„TEILNEHMEN IST WICHTIGER ALS SIEGEN“ (Coubertin)

Sie sind dabei!

Liebe Isabell Groß,

wir hoffen Sie sind bereit zur 42. Auflage des BMW BERLIN-MARATHON die 42 km (+195 Meter) durch die Hauptstadt zu laufen, denn: Sie wurden ausgelost und sind im wahrsten Sinne des Wortes „am Start“! 20.11.2014

Fassungslos saß ich am PC und konnte gar nicht richtig verarbeiten, was ich da las. ICH.LAUFE.BERLIN. Wuaaaaaah, gleich Laura schreiben! Und ein bisschen vor Glück weinen. Und natürlich auf Facebook und Instagram posten.

Zehn Monate lang hab ich mich also auf diesen einen Tag gefreut. Naja, nicht ganz zehn Monate. In den letzten Wochen vor dem Start stieg die Nervosität nahezu stündlich, bis ich am Tag vor dem Marathon abends nicht mal mehr Hunger hatte. Ein sehr verdächtiges Zeichen!

Foto 27.09.15, 07 29 18

Und so stand ich am 27.09.2015 im Startbereich des Berlin-Marathons. Neben mir Laura, deren Puls sekündlich in nie erreichte Höhen stieg, hinter uns unser persönlicher Pacemaker Timo, der versuchte, uns Gacker-Hühner zu beruhigen. Hätte er gewusst, was auf ihn zukommt, hätte er am Abend zuvor vielleicht nicht so leichtfertig zugesagt, uns für die magische „Wir wollen unter vier Stunden bleiben“-Grenze zu pacen. Nachdem ich eigentlich seit Montag aufgeregt war und keine Nacht mehr vernünftig durchgeschlafen hatte, war ich nun erstaunlich ruhig. Ich freute mich auf den Start und war sicher, die 4 Stunden locker zu knacken. Ich hatte gut trainiert, war fit, was sollte schon passieren?!

Endlich ertönte unser Startschuss und wir konnten loslaufen. Zu Beginn noch etwas verhalten, bei so vielen Menschen ist es eben nicht ganz so leicht, sofort sein Tempo zu finden. Es ging dann aber doch recht schnell und Timo lobte sich mal eben selbst, was für ein wunderbarer Pacemaker er doch sei. Zu Recht, eine bessere Begleitung hätten wir uns nicht wünschen können. Er zog uns also beschwingt die ersten Kilometer durch Berlin und zumindest meinem Empfinden nach ging das auch locker- flockig, alles easy.IMG-20150927-WA0020

Etwa bei Kilometer 11 warteten dann die ersten Freundinnen – Marija und Anna standen am Straßenrand und glücklicherweise habe ich sie schon von weitem gesehen und konnte sie rufen. So war genug Zeit, ein Foto von mir im Vorbeispringen zu machen und ich freute mich, sie in 26 Kilometern erneut zu treffen. Bei Kilometer 18 oder 19 wollte dann eine von Lauras Freundinnen warten. Auf dem Weg dorthin telefonierte Timo mit seiner Mutter, um die ersten Ergebnisse zu erfragen. Und bekam Schimpfe, dass wir zu langsam seien. Ähm. Tschuldigung nochmal, Mama Timo!

Wir fanden uns da eigentlich noch ziemlich gut. Lauras Freundin Mareike und auch die Halbmarathonmarke passierten wir relativ leichtfüßig und gleichzeitig glücklich, dass wir nun abwärts zählen konnten. Timo übernahm dann auch noch das Wasserholen für uns, sodass wir uns nicht einmal mehr darum kümmern mussten. Nur noch laufen, sonst nix. Perfekt. Wir richtige Profis, haha.

Ich fühlte mich super, genoss den Lauf, klatschte unfassbar viele Kinderhände ab und war guter Dinge, das Zeit-Ziel zu schaffen. Dann sagte Laura plötzlich, sie würde versuchen, noch bis Kilometer 30 dranzubleiben. Ihr ging es also nicht mehr ganz so gut. Und bei Kilometer 26 oder 27 hatten wir uns dann verloren, Timo und ich liefen zu zweit weiter.

Bis Kilometer 30 fühlte ich mich super, bei Kilometer 32 war ich fest davon überzeugt, die 4 Stunden zu knacken und bis Kilometer 35 hatte ich zumindest noch die Hoffnung, dass es klappt. Und dann…wurde ich immer langsamer. Der „Mann mit dem Hammer“ schlug aber diesmal nicht erbarmungslos und knallhart zu, sondern eher so vorsichtig, zögernd, aber doch fies. Erst wurden die Beine schwer und schwerer, dann der Rest meines Körpers. Ich konnte kaum noch denken und irgendwann war mir auch das Reden zu anstrengend. Ganz verrückt übrigens, glaubt sicher keiner meiner Freunde!

Timo gab nochmal alles, versuchte mich zu pushen, lief voraus um fremde Menschen anzufeuern, MICH anzufeuern und traf mit folgender Aussage den Nagel auf den Kopf: „Ich weiß doch, wie scharf du auf den Post bist! Dass du´s geschafft hast! Du willst doch die Drei vorne stehen haben. Wie scheiße wäre es denn, wenn du das verpasst?!“ Ein freundliches und genauso ehrliches „Halt die Fresse!“ meinerseits war die Antwort und ich hab mich tatsächlich nochmal zusammenreißen können.

Das ging so bis etwa Kilometer 36 oder 37, Timo musste immer öfter auf mich warten und ich war auch nicht mehr in der Lage, mit ihm zu streiten. Ich war einfach zu gar nichts mehr fähig und in meiner Vorstellung schleppte ich mich mit toten Augen durch die Straßen, immer ein paar Schritte hinter ihm. Es ging einfach nichts mehr, ich hatte keine Kraft mehr, an ihm zu bleiben und war fast dankbar, als er fragte, ob ich jetzt dran bleibe oder wir uns im Ziel treffen. Ich hab dann was von Ziel genuschelt und er flitzte los, als hätte er noch nicht 37 Kilometer in den Beinen. Hach, die Jugend.

Ich schleppte mich weiter, durch Konfetti-Regen und Jubelstürme, aber irgendwie war mir alles egal. Ich wollte einfach nur ins Ziel und mich hinlegen. Und trinken. Was freute ich mich auf ein kühles Getränk im Ziel! Bei Kilometer 37 standen auch nochmal meine Freundinnen und, wie ich später erfuhr, hatte Marija die verrückt-romantische Vorstellung, dass wir uns fröhlich in den Armen liegen und abknutschen würden, wenn ich vorbeikäme. Ich wiederrum hatte die lustige Vision (bevor sich Timos und meine Wege trennten), auf Timo zu zeigen und zu rufen „Eeeeey Mädels, ich hab einen aufgerissen!“. Tja. Daraus wurde nichts. Denn wir hatten verabredet, dass sie rechts stehen sollten. Ich lief aber links. Und ob ihr es glaubt oder nicht: Ich war weder physisch noch psychisch in der Lage, die Straßenseite zu wechseln. Und reden hätte ich eh nicht mehr gekonnt. Meine Zunge klebte im Mund fest wie ein Eichhörnchenschwanz und mich trieb eigentlich mehr der Durst vorwärts. Mann, war das heiß in Berlin! An den letzten beiden Versorgungspunkten trank ich nochmal genüsslich zwei Becher Wasser und wäre am liebsten dort geblieben.

Ich musste mich echt zusammenreißen und hab mich wirklich über die letzten Kilometer gequält. Das Publikum hat da wirklich einen großen Anteil dran und ich konnte sogar wieder lächeln. Vor allem, als ein Helfer am Straßenrand rief: „Nur noch ein Kilometer!“ Gott, war das schön! Ein Kilometer ist ja nix! Und endlich, eeeendlich lief ich aufs Brandenburger Tor zu und da die Zeit ja nun eh egal war, hab ich mir noch ein Foto gegönnt. Es war so unglaublich schön, durch dieses Tor zu laufen, vorbei an frenetisch feiernden Menschen, nochmal lächeln für die Fotografen, über die Zeitmessmatte laufen und endlich die Uhr stoppen zu können. Die Beine waren ein einziges Aua, aber ich war so glücklich und stolz, dass ich es geschafft hatte. Zwar nicht in der gewünschten Zeit, aber trotzdem um fast 13 Minuten im Vergleich zum Vorjahr verbessert. Das muss man erstmal schaffen!

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Und dann: Medaille holen, Wasser (viel!) trinken, Handy anmachen, den Freunden und der Familie Bescheid geben, dass ich´s geschafft hab, Instagram checken (und fast ein bisschen geschockt von der riesigen Resonanz zu unserem Vor-Start-Foto sein) und Laura suchen. Verpflegungstüte und Klamotten abholen, Timo nochmal treffen und natürlich: Fotos machen. Fotos mit Medaille und ohne, Fotos vor dem Finisher-Schild, Fotos mit Timo, Fotos und Snaps beim Versuch, eine lange Hose anzuziehen und natürlich beim Treppensteigen. Ganz langsam zur Bahn schlurfen und zum Hotel fahren, jammern, wenn man was vom Boden aufheben muss und dann erstmal liegen. Liegen, liegen, liegen. Das tat so gut.

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Und jetzt, ein paar Tage später, nachdem die Schmerzen abgeklungen sind, freue ich mich schon auf den nächsten Marathon. Und diese verdammten vier Stunden werden irgendwann fallen. Hundertprozentig! Und da aus Anna und Marija jetzt zwei richtige „Marathon-Wohoo-Girls“ geworden sind, muss ich sicher nicht mehr allein zu einem Marathon reisen. Marija, ich verspreche dir: Beim nächsten Mal gibt´s den Kilometer-37-Knutscher!


9 Gedanken zu “„TEILNEHMEN IST WICHTIGER ALS SIEGEN“ (Coubertin)

  1. was für ein schöner Beitrag von dir. Ich kann genau nachvollziehen wie du dich auf der zweiten Hälfte gefühlt hast. Klasse, dass du durchgehalten hast!

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  2. Ganz klasse Bericht! Ich bin zwar nur ein lascher Gelegenheits-Halbmarathoni und Wochenendjogger, aber so erging es mir im März beim Halbmarathon in Berlin, genauso! …nur nicht ganz so weit 🙂
    Kompliment für den Bericht

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  3. Pingback: KEINE EXPERIMENTE!

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