MARATHON FÜR NICHT-MARATHONLÄUFER

Dass die wahren Helden der Laufveranstaltungen eigentlich die vielen freiwilligen Helfer sind, haben wir ja bereits in unserem Bericht auf run.de erwähnt und auch gewürdigt. Aber wie sieht so ein Lauf eigentlich aus Helfersicht aus? Adrienne, eine Freundin aus unserer sogenannten #instaclique, war am Marathon-Tag dabei und hat sich bereit erklärt, von ihren Erfahrungen zu berichten. Achtung, Tränen-Alarm!

Dem Marathon- Fieber in Berlin konnte sich an diesem Wochenende niemand entziehen. Erst recht nicht, wenn man selbst Läufer ist und somit allerlei Marathon-Teilnehmer kennt und mit jedem einzelnen mitfiebert. Wenn man sich selbst physisch oder psychisch nicht in der Lage fühlt, einen Marathon zu bestreiten, kann man trotzdem mittendrin sein, indem man sich als freiwilliger Helfer meldet. Nachdem ich in den letzten Jahren „nur“ zugesehen und mitgefiebert habe, wollte ich in diesem Jahr mehr und habe mich als Helfer in der Zielverpflegung beworben.

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Schon als ich am Sonntagmorgen die Bahn Richtung Hauptbahnhof bestieg, merkte man sofort, dass etwas los war in der Stadt. Wo man sonst einsam und allein mit seinen Laufschuhen, Kompressionssocken und dem Funktionsshirt sitzt, war nun jeder zweite Sitzplatz von einem Läufer belegt. Auch wenn ich mich mit niemandem unterhalten habe, hat man hier schon die aufgekratzte Stimmung bemerkt. Auf der einen Seite die alten Hasen, die sich über die letzten drei Jahre Berlin-Marathon unterhalten und über das Wetter und Bestzeiten diskutieren und auf der anderen Seite die Neulinge, die von der gesamten Familie begleitet mit Sätzen wie „Du bist so gut vorbereitet“, „Du schaffst das auf jeden Fall“ und „Wir warten an Kilometer 12 und 37 auf dich!“ gepusht werden. Man wird selbst ganz aufgeregt und zählt die letzten Stationen.

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Am Hauptbahnhof angekommen, war ich den gut vorbereiteten Läufern sehr dankbar. Da ich einen Orientierungssinn wie ein Stuhl habe, war ich wirklich froh, einfach dem Strom folgen zu können. Auf dem Gelände angekommen, war ich völlig überwältigt. Ich meine, ich weiß, dass da viele Menschen mitlaufen, aber SO viele?  Ich wollte so viel wie möglich von der Atmosphäre in mich aufsaugen, die zwischen Bundestag und Kanzleramt herrschte und habe mich natürlich prompt verlaufen. Trotz 20 Minuten Puffer, kam ich erst kurz vor 08:45 Uhr am Treffpunkt an, wo bereits die Helferjacken ausgegeben und die Helfer in die verschiedenen Verpflegungsstationen eingeteilt wurden. Schon dort merkte man, dass sich viele jedes Jahr als Helfer melden und sich fast alle bereits kannten. Nichts desto trotz wurde ich direkt nett aufgenommen und für die Verpflegungstüten eingeteilt. Unsere Station befand sich direkt gegenüber der Johanniter und es war wirklich traurig zu sehen, wie viele schon kurz nach dem Start in das Zelt humpeln mussten. Den Ausdruck auf ihren Gesichtern werde ich so schnell nicht vergessen. Und einmal mehr wurde mir klar; Marathon ist ein Extrem- Sport. Marathon ist nicht nur der glorreiche Zieleinlauf, sondern auch Schmerz und Tränen.

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Bis die ersten Finisher zu uns kamen, blieb noch genug Zeit, um das Rennen auf der Leinwand zu verfolgen. Je näher das Führungsfeld dem Ziel kam, desto lauter wurden die Helikopter über dem Gelände und der Jubel der Zuschauer. Auch wenn Eliud Kipchoge uns sicher nicht hören konnte, wurde ordentlich applaudiert, als er mit 02:04 als erster die 42,195km hinter sich gelassen hat. Sein Zieleinlauf war wie ein Startschuss für uns Helfer. Klar, werden die ersten Läufer direkt abgefangen, aber kurz danach gibt es eben auch viele Spitzensportler, die Durst und Hunger haben. So fing gegen 11:30- 12:00 Uhr ganz langsam der Strom der Finisher an. Ich glaube, ich habe noch nie Menschen so herzhaft in einen Apfel beißen sehen. Auch die Salzbrezeln aus der Tüte wurden direkt freudestrahlend in den Mund gekippt, 2-3 Becher Wasser hinterher und alles war wieder gut.

Mit der Zeit wurden es immer mehr Läufer, sodass wir die Tüten kaum so schnell nachholen konnte, wie wir sie weitergeben wollten. Zu der Zeit kamen auch die ersten bekannten Gesichter an unserem Stand entlang, von denen ich mir direkt eine dicke Portion Marathon-Schweiß in Form einer Umarmung abgeholt habe (soll ja Glück bringen!).  Ich habe mich über jedes einzelne strahlende Gesicht unheimlich gefreut! Am besten war jedoch, dass ich mit meiner Einschätzung, dass es im Zielbereich am schönsten ist genau richtig gelegen habe. Ich habe noch nie so viele Menschen vor Glück weinen und sich für eine halbe Ewigkeit umarmen gesehen, weil man sich trotz der hohen Teilnehmerzahl so schnell wieder gefunden hat. Tränen des Schmerzes und Tränen der Freude lagen wahrscheinlich nie so nah beieinander.

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Mein persönliches Highlight war ein älterer Mann, ich würde ihn auf etwa Mitte 70 schätzen, der mir keine vier Stunden nach dem Start zwar verschwitzt, aber völlig fit und gut gelaunt gegenüber stand und sich über sein Schokohörnchen her machte. Wenn er sich das traut, warum traue ich mir das nicht zu? So viele verschiedene Menschen haben es an diesem Tag über die Ziellinie geschafft und auch die, die es nicht geschafft haben, sind meine Helden, denn sie haben es sich getraut. Sie haben die Herausforderung „Marathon“ angenommen und so weit gekämpft, wie der Körper es zugelassen hat.

Viele Läufer hatten trotz der Anstrengungen noch liebe Worte für uns übrig, denn einer der 5.900 Helfer in diesem Jahr zu sein, war wirklich und scheinbar auch sichtbar anstrengend. Aber als ich gegen 16 Uhr wieder in den Zug Richtung Heimat stieg, wusste ich genau, dass ich Teil von diesem riesigen, tollen Event war. Ich war mittendrin und kann mir nun sogar wesentlich eher vorstellen, mal als Läufer dabei zu sein. Auch wenn das erst 2020 der Fall sein wird, freue ich mich jetzt schon darauf!

Ihr wollt mehr von Adrienne lesen? Sie schreibt regelmäßig unter anderem über Laufen, Fitness und Ernährung auf ihrem Blog, auf Instagram findet ihr sie hier.

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