EMOTIONALE ACHTERBAHNFAHRT IN BERLIN

183! Ich schaue nochmal entgeistert auf mein Handgelenk, aber leider blinkt diese Zahl unübersehbar auf. „183, das habe ich ja nicht mal beim Intervalltraining“, sagt eine Frau neben mir. Na super, denke ich, das geht ja schon gut los. Es ist 9.00 Uhr und ich stehe neben Isa und Timo mit Tausend anderen Läufern im Startbereich des Berlin Marathons. Meine Aufregung steigt von Minute zu Minute. Ich muss sogar nochmal über den Absperrzaun klettern, um ein zweites Mal auf die Toilette zu gehen. Die Angst ist dieses Mal so groß, dass meine Brust wie zugeschnürt ist, ich am ganzen Körper zittere und meine Zähne klappern. Während Isa und Timo fröhlich neben mir plappern, bekomme ich keinen Ton heraus.Foto 27.09.15, 08 48 28

Der Berlin Marathon ist für uns nicht irgendein Wettkampf, nein, in diesem Jahr, bei unserem zweiten Lauf über 42,195km soll endlich die 3 vorne stehen. Der Gedanke daran lässt mich nur leider fast durchdrehen. Bereits die Nacht davor habe ich sehr unruhig und wenig geschlafen. Ich bin um etwa 3 Uhr eingeschlafen und um kurz vor 6 klingelte der Wecker. Beim Frühstück ging es dann weiter: Ich bekam kaum etwas runter (sehr untypisch für mich) und hatte das Gefühl ich muss mich gleich vor Angst übergeben.

Zitternd ging es dann also über die Startlinie und mein einziger Anker war, dass, sobald ich loslaufen würde, sich die Aufregung sicher legen würde. Nein, falsch gedacht, Angst hatte ich immer noch und zusätzlich das Gefühl, dass ich jeden Moment anfangen müsste zu heulen. So zogen die ersten Kilometer an mir vorbei, ab Kilometer 10 konnte ich das erste Mal etwas entspannen. Von dort ab freute ich mich auf die erste Freundin, die am Kilometerpunkt 19 stehen sollte. Bis dorthin lief es auch wirklich gut, Timo brachte uns netterweise von jedem Getränkestand Wasserbecher mit und wir liefen konstant das angestrebte Tempo.

Als ich an meiner Freundin Mareike bei km 19 vorbeizog, fiel ich leider wieder in mein emotionales Loch. Nun stand erst einmal keiner bis km 36 an der Strecke. Wie sollte ich das nur schaffen? Timo und Isa wurden gefühlt immer schneller und bei der 26er Kilometermarke verlor ich sie endgültig. Nur noch 10 km sagte ich mir selbst immer vor, dann würden Theresa, Svenja, Lena und Markus, die extra aus München angereist waren, an der Strecke stehen und mir zujubeln. Gleichzeitig ging es mir psychisch zunehmend schlechter, am liebsten wäre ich stehen geblieben und hätte angefangen zu weinen. Mehrmals musste ich mir die Tränen verdrücken. Und das alles nur, weil ich wusste, dass ich die 3:58:XX nicht schaffen würde. Diese 10km waren furchtbar für mich, nicht, weil es mir körperlich schlecht ging, nein, die Beine waren relativ fit. Ich machte mich selbst total fertig wegen der „versauten“ Zeit. Diese negativen Gedanken bekam ich leider nicht los.

Als bei Kilometer 36 Svenja und Lena brüllten „Laaaaaurrraaaa, du siehst viiiiel besser aus als im letzten Jahr“, ging es mir hundeelend. Zum Glück lief Theresa, wie schon in München vergangenes Jahr, dann ein Stück neben mir her. Sobald sie neben mir stand, konnte ich meine Tränen nicht mehr zurückhalten. Ich fing sofort an total laut zu schluchzen und brüllte nur „Thereeeesaaa ich schaffe es nicht mehr“. Die wusste zuerst gar nicht, was passiert, denn mit einer heulenden Laura so kurz vor dem Ziel hat sie wohl nicht gerechnet. Aber zum Glück kann Theresa ziemlich gut motivieren und schaffte es auf den nächsten zwei Kilometern mich emotional wieder aufzubauen. Langsam begriff ich ENDLICH, dass es nicht darauf ankommt die vier Stunden Marke zu knacken, sondern einfach die Stimmung, die vielen jubelnden Menschen und Berlin zu genießen. Leider wurde mir das viel zu spät (ab Kilometer 38) klar, sodass ich mit gemischten Gefühlen nach 4:09:04 Stunden ins Ziel lief. Als ich die Medaille umgehängt bekam, war ich zwar Stolz auf mich, schwor mir aber gleichzeitig mich nie wieder wegen einem Marathon selbst so unter Druck zu setzen. Mein Überehrgeiz hatte mir leider den Berlin Marathon etwas versaut.

Im nächsten Jahr laufen wir in Hamburg mit. Auf welche Zeit ich trainiere, verrate ich dieses Mal keinem, denn der Druck war in diesem Jahr einfach zu groß. Danke trotzdem an die mega krassen Zuschauer, ihr wart unfassbar. Beim nächsten Mal werde ich während des Laufens auch wieder mehr strahlen, ich verspreche es! Foto 27.09.15, 14 00 45P.S.: Mein Puls beruhigte sich glücklicherweise während des Laufes und ging runter auf 160, sodass sich Isa und Timo keine Sorgen mehr machen mussten, dass ich plötzlich umkippe.


11 Gedanken zu “EMOTIONALE ACHTERBAHNFAHRT IN BERLIN

  1. Schöner Bericht! Ich denke, Ziele sind gut und die sollten auch verfolgt werden. Sie helfen uns einen Weg zu finden und dranzubleiben. Man kann auch von Zielen und Träumen erzählen, trotzdem sollte das Ziel uns nicht erdrücken und wir uns deswegen fertig machen. Auch wenn du dieses Ziel nicht ganz erreicht hast, so hast du/habt ihr eine grossartige Leistung vollbracht!!

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  2. Hallo Laura,
    mir tut es total leid zu lesen, wie Du Dich selbst um das Erlebnis Berlin Marathon gebracht hast… Wichtig ist die Erkenntnis, das Marathon mehr ist, als nur eine bestimmte Zeit zu erreichen… (sagt jemand, der gerade einmal 2 Marathons hinter sich hat)… Viel SPASS dann in HH…

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  3. ich kann so mir dir fühlen! Ich verrate einfach keinem wann ich das nächste Mal einen laufe! Bei mir steht da nun sowieso erstmal finishen an erster Stelle! Eine 4.09 ist immer noch eine tolle Zeit!

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  4. Ich finde das so traurig das Du dich so unter Druck setzt, Laura.
    Das ist gar nicht nötig.
    Man sollte sich a) realistische Ziele setzen und b) primär auf en Spaß am laufen fokussieren.

    Es war so toll in Berlin und jeder km ein Genuss.
    Die Angst 36 km mitlaufen zu lassen ist ein Wahnsinn.
    Ich wünsche Dir für dein nächstes Ziel ganz ganz viele mentale Power und SPASS AM LAUFEN, denn nur darauf kommt es an.

    PS Selbst als SUB4 Finnischer gewinnt man doch, wenn man mal ehrlich ist keinen Blumentopf. 😉
    Das sich die Jugend heute so unter Druck setzt kann ich nicht nachvollziehen und stimmt mich nachdenklich, denn dadurch verliert Ihr den Blick für das Schöne, Wesentliche.

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    1. Wahre Worte ja… Leider war ich schon immer jemand, der sich im Sport zu sehr unter Druck setzt. Früher beim Tennis habe ich Rotz und Wasser geheult, wenn es schlecht lief. Vielleicht wird das ja mit zunehmendem Alter etwas besser, ich hoffe es sehr. Hamburg werde ich zwar mit Zielen angehen, die behalte ich aber für mich. Dadurch entsteht keinerlei Druck und ich genieße die 42,195km voll und ganz, versprochen!

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  5. Pingback: KEINE EXPERIMENTE!

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