ATEMLOS DURCH DIE NACHT

“Hallo Isa, ich hab von deinem Pacemaker-Job beim Tegernseelauf gelesen. Hast du am 24./25. Oktober schon was vor? Da ist der Bestzeitmarathon.” Diese Nachricht hatte ich vor ein paar Wochen im Facebook-Posteingang. Absender war Johanna, die ich über eine Freundin kannte. Mein erster Gedanke: “Eigentlich wollte ich nach dem München-Marathon doch Pause machen!” Der zweite: “Was? Vier Stunden im Kreis laufen? Ich bin doch noch gar nicht bereit, schon wieder Marathon zu laufen! Und da kann ich doch niemanden pacen?!?” Glücklicherweise wollte Johanna “nur” den Halbmarathon laufen und endlich unter zwei Stunden ins Ziel kommen. Der dritte Gedanke war also: “Einer geht noch!” und schon war ich angemeldet. So´nen Halbmarathon kann man ja nochmal machen und außerdem hat mich Johanna mit Übernachtung und Frühstück gelockt.

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Der Bestzeitmarathon findet seit einigen Jahren in der Nacht der Zeitumstellung auf Winterzeit statt. Da für die Ergebnislisten nur Start- und Ziel-UHRZEIT betrachtet werden, wird hier sogar um den Weltrekord gelaufen. In den vergangenen Jahren war der Westpark immer Austragungsort, dieses Jahr zog das Organisationskomitee wegen steigender Teilnehmerzahlen nach Riem, also in den Osten Münchens um, wo wir unsere Runden um den dortigen See drehen sollten.

Johanna und ich wollten uns an der Ubahn treffen, wo ich mir gleich mal einen Fauxpas erlaubt habe. Als sie kam, hab ich sie zwar registriert, aber nicht erkannt. Erst, als sie sagte, ich brauchte sie nicht anrufen, sie sei ja schon da. Wie peinlich! Hat der guten Laune aber glücklicherweise keinen Abbruch getan. Auf dem Weg zum Startgelände kamen uns immer wieder mal ein paar Leuchtstreifen entgegen, die sich beim Näherkommen als Läufer entpuppten. Eine etwas skurrile Szenerie. Am Start dann aber alles ganz normal, nur halt im Dunkeln. Läufer, die ihre Chips nochmal testeten, Läufer, die sich aufwärmten, Läufer, die nochmal auf Toilette gingen. Wie immer halt.

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Und dann ging´s schon los. Wir hatten unser Tempo schnell gefunden und trabten fröhlich in die Nacht. Im Startbereich hatten sich auch einige Fans eingefunden, ansonsten war es recht ruhig auf der Strecke. Fand ich aber auch mal ganz angenehm. Gut, für mich ging es ja auch um nichts, ich musste “nur” das Tempo für Johanna vorgeben und halten. Das funktionierte die ersten beiden Runden sehr gut (eine Runde war ca 2,1km lang, sodass wir zehn Runden absolvieren mussten), dann war Zeit für die erste Getränkeaufnahme. Johanna hatte beim München-Marathon die schmerzhafte Erfahrung gemacht, dass man nicht zu spät mit Trinken anfangen sollte. Das hatte sie dort nämlich ein wenig ausgehebelt und sie hatte die Zwei-Stunden-Marke relativ knapp verpasst. Die Zeit, die wir durch das Trinken verloren, hatten wir aber schnell wieder rausgelaufen, die Uhr zeigte weiterhin konstantes Tempo an, auch nach der nächsten Trinkpause (nach weiteren zwei Runden) lief weiterhin alles am Schnürchen.

Das Läuferfeld zog sich immer weiter auseinander, es wurde immer stiller, die Nacht wurde immer dunkler und die Kälte kroch langsam an uns hoch. Und irgendwas zog Johanna still und heimlich langsam den Stecker. Es fiel ihr etwas schwerer, an mir dran zu bleiben und nach Trinkpausen wieder aufzuschließen. Wadenkrämpfe machten ihr das Laufen schwer und wir blieben kurz stehen, um zu dehnen, bis es wieder besser ging. Danach konnten wir eine weitere Runde abspulen. Bis mir auffiel, dass ihr Gesichtsausdruck ziemlich gequält wirkte. Sie hatte Bauchschmerzen und ihr war schlecht. Also Gehpause einlegen und versuchen, ihr gut zuzureden. Ja, ich gebe es zu: Ich bin in solchen Dingen nicht besonders gut, aber ich habe mir wirklich Mühe gegeben. Das Ziel, die zwei Stunden zu knacken, war auch noch längst nicht außer Sichtweite, alles war weiterhin möglich. Und so schafften wir eine weitere Runde, bis es nur noch drei Runden waren, die vor uns lagen.

“Sechs Kilometer noch, die bist du schon tausendmal im Training gelaufen, komm, das schaffst du locker!” So mein Motivations-Mantra. Doch irgendwann funktionierte es leider nicht mehr. Ein paar hundert Meter weiter ging gar nichts mehr und Johanna wollte, dass ich allein weiterlaufe und wir uns im Ziel treffen sollten. Ich hatte wirklich ein schlechtes Gewissen, sie da allein in der Dunkelheit zurückzulassen und habe mich mehrmals vergewissert, ob es wirklich okay für sie sei. Denn mir wurde auch langsam kalt und ich wäre tatsächlich gerne etwas schneller gelaufen. Sie bestätigte ebenfalls mehrmals, sie wolle es jetzt nur noch zu Ende bringen und es sei wirklich in Ordnung, wenn ich im Ziel wartete.

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Mir blieben noch knapp 25 Minuten für gut fünf Kilometer, um noch unter zwei Stunden ins Ziel zu kommen, also rannte ich los. Sogenannte “Endbeschleunigung”, die ich im Marathontraining übrigens gewissenhaft außer Acht gelassen hatte, weil ich dazu bei keinem Trainingslauf über 30 Kilometer in der Lage gewesen wäre. Dafür, dass ich schon 16 Kilometer in den Beinen hatte, ging es eigentlich ganz gut, geschafft hab ich es aber nicht ganz. Nach handgestoppten (ungefähren) 2:01 Stunden kam ich ins Ziel. Schnurstracks ging ich zum Zielbüffet, wo ich auf Johann wartete. War für mich sehr kurzweilig, denn dort gab es einfach ALLES: Salzstangen, Kuchen, Gummibärchen, Kekse, Waffeln, Schokolade, Chips, Wasser, Cola… Wirklich herausragend!

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Johanna kam dann auch bald ins Ziel und war – zu Recht – sehr stolz auf sich, dass sie es trotz der ganzen Beschwerden durchgezogen hatte. Respekt dafür! Wir fuhren dann gemeinsam zu ihr nach Hause, wo wir nach dem Duschen gleich ins Bett fielen. Beim Frühstück schauten wir übrigens zu, wie Arne Gabius (trotz sichtlicher Schmerzen) neuen deutschen Rekord lief!

Und für alle “Wettkampfneulinge” kommen jetzt noch ein paar Tipps:

  • Konzentriert euch auf EIN Highlight! Ihr wollt einen Halbmarathon unter zwei Stunden laufen? Dann macht bitte nicht denselben Fehler und lauft an den beiden Wochenenden vorher auch schon jeweils einen. Ein Halbmarathon ist ein Halbmarathon und euer Körper kann nicht jede Woche Bestleistungen bringen.
  • Sucht euch ein Rennen zu normalen Zeiten, um euren Biorhythmus nicht total durcheinanderzubringen und startet UNBEDINGT ausgeruht! Falls ihr doch abends oder sogar nachts lauft: Seid dann bitte nicht den ganzen Tag auf den Beinen, sondern ruht euch aus, macht ein Mittagsschläfchen etc.
  • Übt das Trinken beim Laufen. Klingt banal, ist aber wichtig. Wenn ihr wisst, dass ihr euer Ziel nur erreicht, wenn ihr “volle Pulle” lauft, kosten euch solche Trinkpausen wertvolle Zeit!
  • Setzt euch selbst nicht so sehr unter Druck. Ja, wir wissen, dass wir das selbst auch noch etwas üben müssen, wenn wir beispielsweise an den Berlin-Marathon zurückdenken. Aber es hat auch schonmal geklappt. Jeder Lauf ist etwas Besonderes und die Tagesform ist oft sehr entscheidend. Lasst euch den Spaß am Laufen nicht vermiesen!

Liebe Grüße, Isabell


4 Gedanken zu “ATEMLOS DURCH DIE NACHT

  1. Hi Isa,
    wie immer gaaaanz toll geschrieben. Auch wenn es der Johanna nicht so gut ging habt Ihr es doch geschafft. Zeiten sind relativ. Und beim Bestzeitmarathon wird ja eine Stunde abgezogen 😉. Wollt ich auch mitmachen, aber dann hat ich doch nach Berlin den München-Marathon gemacht – mit Bestzeit.
    Weiter so
    LG Martin

    Gefällt 1 Person

    1. Danke Martin! 🙂 Ja, Zeiten sind manchmal einfach irrelevant. In den Zeittunnel sind wir übrigens gar nicht gekommen, dafür waren wir dann doch zu schnell, hehe. Glaub, das funktioniert nur über die volle Marathon-Distanz.

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  2. Danke, dass ihr dabei wart! Es ist zu nachtschlafender Zeit erfahrungsgemäß immer schwerer, eine ähnliche Leistung wie bei Tageslicht abzurufen. Das unterschätzen viele. Trotzdem wacker gekämpft. Vielleicht im nächsten Jahr den ganzen Marathon? 😉

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