INTERVALLTRAINING AM RENNSTEIG – DA LÄUFT WAS

“Waaas? Aber warum?” – “Naja, ich will halt mal sagen können, dass ich 80 Kilometer gelaufen bin. “ – “Aber die Strecke ist nur 73 Kilometer lang!” – “Na gut, dann halt 73 Kilometer am Stück!”

Dieses Gespräch fand zu irgendeiner Weiberfastnacht bei uns zu Hause statt. Ich weiß leider nicht mehr, in welchem Jahr, müsste aber 2014 gewesen sein. Hängen geblieben ist von diesem Abend bis auf die Eingansgszeilen nicht viel, aber immerhin hat es mich nachhaltig beeindruckt. So stark, dass Sascha, mein Gesprächspartner von damals und ich am 21. Mai 2016 gemeinsam 6 Uhr morgens (jahaaaa!!!) auf dem Eisenacher Marktplatz standen und uns wahnwitzige 72,7 Kilometer vom “schönsten Ziel der Welt” (ist es wirklich!) in Schmiedefeld trennten. Bis dahin hatten wir einige Stunden auf dem Rennsteig vor uns. „Da läuft was“ war das Motto des diesjährigen Rennsteiglaufs. Dann wollten wir mal schauen, was da so lief.

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Über ein Jahr lang hatte ich Zeit, mich mit dem Gedanken anzufreunden, einen Ultramarathon (so nennt man alle Distanzen, die länger als die Marathonstrecke sind) zu laufen. Aber auch jetzt, im Nachhinein, kann ich es kaum fassen, das tatsächlich auch getan zu haben. Sascha lief die Strecke schon im vergangenen Jahr und wir vereinbarten vorher, dass wir das dieses Jahr gemeinsam machen würden. Bedingung meinerseits war jedoch, dass ich mich erst nach dem Berlin Marathon entscheiden würde. Ich wollte erst einmal abschätzen, ob ich wirklich Lust hatte, 30 weitere Kilometer zu laufen. Allerdings hatte mich der Rennsteiglauf im vergangenen Jahr (Laura und ich liefen gemeinsam mit meiner Schwester den Halbmarathon) so geflasht, dass ich mich eine Woche danach in einer Art Kurzschlussreaktion an der Aldi-Kasse stehend direkt anmeldete. War wohl auch besser so, denn nach dem Marathon in Berlin hätte ich wohl eher wenig Lust auf diese Monsterstrecke gehabt. (Hier kannst du nochmal nachlesen, wie es mir erging.)

Dann hieß es erst einmal: Verdrängen. Ich redete zwar drüber beziehungsweise fragte erfahrene Läufer, wie ich dafür trainieren sollte und las Bücher, aber das war alles soooo weit weg. Kam dann aber doch ziemlich schnell und “ganz plötzlich” immer näher und auf einmal saß ich mit gepackter Tasche im Auto nach Hause.

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Die Startunterlagen muss jeder Rennsteigläufer am jeweiligen Startort abholen. Für Sascha und mich hieß das also: Ab nach Eisenach! Da sich nur rund 2.200 Verrückte den “langen Kanten” antun, ging dort alles sehr schnell, die netten Helfer machten uns Mut und malten uns noch eine Sonne auf den Startbeutel. Damit wir das Lächeln nicht vergaßen oder so. Fand ich süß. In fünf Minuten war alles erledigt und wir machten noch das obligatorische Startnummern-Foto für Instagram. Außerdem trafen wir Hans-Werner, der tatsächlich zum 36. Mal antreten wollte. Er hatte mir im Vorfeld einige Motivationstipps gegeben und wir freuten uns, dass es mit dem persönlichen Treffen geklappt hatte. Anschließend fuhr ich noch mit meiner Schwester nach Oberhof, wo der Halbmarathon startete. Ein “Hätte auch gereicht” schoss mir kurz durch den Kopf. Tja. Ich hatte es ja nicht anders gewollt.

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Der restliche Abend sah folgendermaßen aus: Oma besuchen und einen Treffpunkt ausmachen (meine Großeltern wollten an die Strecke kommen und wir mussten natürlich verabreden, wo sie warten sollen, was sie anziehen würden, damit ich sie erkenne und wann ich ungefähr da sein würde) und essen, essen, essen. Und endlich für ein Outfit entscheiden. Oben kurz/unten lang? Oder lang/lang? Kurz/kurz hatte ich aus Angst vor Wundscheuern verworfen. Im Vorfeld hatte ich Sascha ungefähr eine Woche lang täglich mit solchen Fragen bombardiert. Der Arme! Er hat es aber scheinbar gut verkraftet.

Und ich musste natürlich mit Conny, Susi, Laura, Benita und Mira whatsappen. Ob ich aufgeregt sei, genug gegessen habe, nicht lieber doch noch zwei Nutellabrötchen essen wollte, wann ich ins Bett ginge und aufstehen müsste. Ganz normal eben. Aufstehen musste ich übrigens 3:15 (!!!). Das war tatsächlich ziemlich abartig. War aber nicht sooo schlimm. Zum einen hatte sich Susi extra für mich den Wecker gestellt. Zum anderen hatte meine Schwester wie schon in Hamburg “Superkräfte” für mich vorbereitet. Powpowpow, ich war bereit!

 

4 Uhr fuhren wir nach Eisenach und als wir dort ankamen, wurde es auch langsam hell. Anders als bei allen Rennen, die ich bisher gelaufen war, war die Stimmung dort äußerst entspannt. Gefühlt hibbelte ich als Einzige aufgeregt dort rum. Alle anderen schienen den Lauf schon zum mindestens zehnten Mal zu laufen und Sascha raunte mir zu “Wenn das die Opas da schaffen, dann kriegst du das auch hin!” Bitte nicht falsch verstehen, ich habe wirklich allergrößten Respekt vor all denjenigen, die regelmäßig den Supermarathon laufen, aber an irgendeiner Hoffnung musste ich mich festklammern.  Was mich kurz verwirrte, war der Moderator: “Wer einmal den langen Kanten läuft, der bleibt für immer dabei.” Ups, hoffentlich nicht?! Ich bin ja tatsächlich ziemlich leicht zu beeinflussen, aber sooo leicht hoffentlich nicht. Das tut man sich doch nicht mehrmals an, oder? Die vielen Läufer mit der Anzahl der Finishs auf dem Shirt sprachen da eine andere Sprache…

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Noch zweimal an den Dixis anstellen, dann konnte es losgehen. Leider – und das ärgert mich wirklich sehr – wurde gar kein Rennsteiglied gesungen?! Oder hab ich das irgendwie verpasst? Nur zum Schneewalzer wurde geschunkelt (da kamen wir gterade noch rechtzeitig von der Toilette zurück), dann ging auch schon der Countdown und los ging´s. Vorbei an richtig vielen klatschenden Menschen (was soll man auch sonst samstags 6 Uhr tun), raus aus der Stadt und – nach ganzen 500 Metern – bergauf. Dieser Anstieg ließ sich noch problemlos meistern. Das sollte sich aber bald ändern, haha. “Schau mal, wie die Sonne aufgeht” meinte Sascha und ich dachte nur “hoffentlich wird´s nicht zu heiß!” Wurde es aber nicht, wir waren ja schließlich hauptsächlich im Wald unterwegs.

Nach ca. vier Kilometern hörte ich eine Stimme- Hans-Werner tauchte auf einmal auf. “Isa, das schaffst du. Nicht einmal mehr 70 Kilometer!” Muss dieser Ultraläufer-Humor sein oder so. Gekichert hab ich trotzdem. Wie ihr anhand des Streckenprofils sehen könnt, ging es die ersten 25 Kilometer einfach nur bergauf. Natürlich nicht am Stück, sondern auch immer mal wieder ein kleines Stückchen bergab. Aber gefühlt gab es keine richtigen ebenen Strecken. Und wenn, waren die sehr kurz. Kann aber auch sein, dass ich das falsch wahrgenommen habe. Auf jeden Fall war es irgendwann soweit (fragt mich nicht, wann, ich weiß es einfach nicht mehr), dass ich zu Sascha sagte, es wäre jetzt mal an der Zeit, so einen Anstieg zu gehen. Das taten nahezu alle anderen schließlich auch und wir hatten ja noch ein kleines Stückchen vor uns.

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Quelle: rennsteiglauf.de

Und so verliefen dann die restlichen Kilometer bis zur “Bergwertung” am Großen Inselsberg. Wir gingen an den Steigungen und zwischendurch liefen wir. Ist ja auch irgendwie eine Art Intervalltraining und das macht bekanntlich schnell. Und widerstandsfähig. Und ich sag´s euch: Da waren unfassbar eklige Anstiege dabei. Ich war selbst überrascht, wie hügelig meine Heimat ist, haha. Hans-Werner sagte damals, als ich ihn für den Blogbeitrag befragte “wer den Inselsberg geschafft hat, der hat den Lauf geschafft” und deshalb war das für uns auch das erste gedankliche Zwischenziel. Hier liefen wir auch das erste Mal über die Matten zur Zeitmessung. Krass, oder? Nach 25 Kilometern! Dann ging es schöööön steil bergab. Hallo Oberschenkel!

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Nächstes Zwischenziel (neben den vielen Verpflegungspunkten natürlich) war dann Kilometer 35-37. Das war unsere “Homebase” (unser Heimatort ist nur ein paar Kilometer entfernt), meine Großeltern sollten da irgendwo stehen und unser Heimatverein hatte seinen Verpflegungspunkt außerdem an der Ebertswiese. Noch knapp 12 Kilometer also bis zur Halbzeit. (Bin ich übrigens die Einzige, die das ziemlich irre findet? Der Teil, der beim Marathon so kacke weh tut, sollte erst Halbzeit sein? Haha!) Nach etwa 35 Kilometern, an einer Kreuzung, sah ich dann eine kleine Frau, die sich immer wieder suchend umschaute. Die Farbe der Jacke ähnelte von weitem der Jacke, die meine Oma mir am Vorabend zeigte. Als die Frau vorbeilaufenden Läufern zuklatschte, konnte ich sie endgültig als meine Oma identifizieren. Und der Opa stand drei Meter entfernt, im Schatten, an einem Wegweiser. Mit lautem “Huhuuuuu” machte ich auf mich aufmerksam, Oma schaute erst einmal in ALLE Richtungen, dann entdeckte sie mich. Begrüßt hat sie mich mit “Isabell, es ist ja schon nach 10!”. Ähm, ja. Ich hatte mich vorher “etwas” verkalkuliert und gemeint, sie sollten mal so zwischen 9:30 und 10 Uhr mit mir rechnen (dass 3,5 Stunden für 35 Kilometer über den Rennsteig eher unrealistisch sind, wurde mir auch erst etwas später klar). Also hab ich mich erst einmal entschuldigt, dass sie so lange warten mussten (abends erzählte Opa, dass sie schon seit etwa 9 Uhr dort im Wald standen, hihi). Ich wollte unbedingt noch ein Selfie mit den beiden, da gab es die nächste Rüge: “Du bist ja schon ganz nassgeschwitzt am Rücken!” Dann haben wir uns nochmal fest gedrückt und weiter ging´s. Ich weiß, das Foto ist ziemlich schrecklich, aber zum einen schaut man nach 35 Kilometern (und mit 38 weiteren Kilometern vor der Brust) nicht mehr soo genau und zum anderen war ich so glücklich, die beiden gesehen zu haben, dass es mir auch ziemlich egal war. Und ihr müsst jetzt eben auch mit dem Foto leben.

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Jetzt war es auch nicht mehr weit bis zur Halbzeit, unserem dritten Zwischenziel. Dort wurden wir sogar namentlich vorgestellt und winkten allen möglichen Bekannten zu. Außerdem staunte ich erneut über das umfangreiche Verplegungsangebot. Das ist auch der Grund, warum ich jedem den Rennsteiglauf nur ans Herz legen kann. Ganz ehrlich, wo werden schon (neben Äpfeln und Bananen) noch Schmalzbrote (mag ich nicht, aber egal), Salamibrote, Nutellabrote, Wiener Würstchen und Knacker (jaaa, ernsthaft!) serrviert? Außerdem soll es an der Ebertswiese den besten Haferschleim (mit Heidelbeeren drin!) geben. Probiert habe ich von alldem übrigens fast nichts. Ich hab mich hauptsächlich an Wasser, Tee und Cola gehalten und ab und zu ein Stück Banane oder Apfel gekaut.Glücklicherweise ging die Rechnung auf. Wenn ich die ganzen Gels, die Sascha in sich gestopft hat, hätte essen müssen… Buääh, bloß nicht. Als ich noch so am Überlegen war, wie die anderen Läufer tatsächlich Würstchen essen konnten, hörte ich eine bekannte Stimme. “Da ist ja die Tante Bella!” Meine Freundin Anne war extra mit ihrem kleinen Sohn gekommen, um mich zu sehen und ein bisschen anzufeuern. Das war richtig schön und nach kurzem Geschnatter ging´s weiter. Ganz gemütlich, denn der Verpflegungspunkt war in einer Senke und dann ging es mal wieder schön bergauf. Dort traf ich noch meine Nachbarn.

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Manchmal hätte ich mich zwischendurch gerne mal so 1-2 Stündchen hingesetzt und den Ausblick genossen

Nächstes Zwischenziel sollte der Sperrhügel sein. Sascha hatte mir den besonders schmackhaft gemacht. “Dort ging es mir letztes Jahr richtig schlecht.” Ah ja. Ich bin ehrlich: Mittlerweile fand ich Anstiege eigentlich ganz nett. Die gingen wir nämlich alle und die Beine konnten etwas entspannen. Und obwohl ich mich auf das Schlimmste gefasst machte: Es war auch schlimm. Steil. Und lang. Uff. Aber irgendwann waren wir oben. Ich hatte ja gehofft, es würde ein 42-Kilometer-Schild geben. Oder eins mit der Marathonmarke. Hätte es ganz nett gefunden, dort ein Foto mit dem Titel “Jetzt kommt die große Unbekannte” zu machen (ja, ich habe ziemlich oft hauptsächlich daran gedacht, was ich wohl posten bzw. im Blogbeitrag berichten könnte). Dieses Schild kam jedoch nie. Da könnt ihr mal sehen, wie unwichtig so ein kleiner Marathon für den Ultraläufer ist. Ich hab es trotzdem vermisst. Dafür sagte ich nach genau 5:15 Stunden zu Sascha: “Jetzt sind wir schon etwa eine ganze Stunde länger unterwegs, als ich jemals gelaufen bin.” Gleichzeitig zeigte die Uhr, dass es dafür auch nur drei kleine Kilometer mehr als jemals zuvor waren. Fand ich kurz etwas frustrierend. Und ich überlegte, was wäre, würde ich in Oberhof aussteigen. Nicht, weil ich tatsächlich aussteigen wollte. Sondern einfach nur so Gedanken. Die man scheinbar hat, wenn man seit fünf Stunden durch die Gegen läuft/geht. Jedenfalls hätte man in Oberhof aussteigen und die bisherigen Kilometer trotzdem werten lassen können. Man wäre sogar nach Schmiedefeld gefahren worden. Fand ich so´n bisschen verlockend. Aber ich wollte ja nach Schmiedefeld und vor allem dort ins ZielLAUFEN. Und, für mich noch wichtiger: Was hätte  ich dann schreiben sollen? Wer hätte mich fotografiert, so ohne Shirt und Medaille? Wäre ja auch irgendwie doof gewesen…

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Wenn dich irgendwann die (Nordic) Walker und Wanderer überholen…

So näherten wir uns langsam der 50-Kilometer-Marke und irgendwann sagte wir uns: “Wenn wir in Oberhof sind, ist es nur noch ein kleiner Halbmarathon. Und ganz ehrlich, wie viele von den Dingern sind wir bisher schon gelaufen? Wäre doch ein Witz, das jetzt nicht mehr zu schaffen!” Außerdem freute ich mich seit über einem Jahr auf ein versprochenes Nutellabrot in Oberhof. Das wollte ich doch nicht im Bus nach Schmiedefeld essen! Also schön weiterrennen. Bzw. “rennen”. Mittlerweile musste ich mich nach jeder Gehpassage wirklich anstrengen, auch mal wieder zu laufen. Nicht, weil ich so große Schmerzen hatte. Sondern weil ich so große Angst vorm Anlaufschmerz hatte!

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Nach rund 50 Kilometern. Foto: Kevin Voigt

Das Nutellabrot in Oberhof schmeckte übrigens vorzüglich und wir streiften den “Aussteiger-Bus” nur mit einem kurzen Blick. Ab jetzt kannte ich die Strecke nun wirklich, war ich doch schon zweimal den Halbmarathon gelaufen. Und es ging mal wieder bergauf. So etwa einen Kilometer. Denn auch wenn wir den steilsten Teil schon lange hinter uns hatten – der höchste Punkt des Berges wartete noch auf uns und es war unser nächstes Zwischenziel. Wenigstens dieses Jahr wollte ich endlich dort oben ein Foto des Schildes machen. Der Weg dahin zog sich allerdings wie Kaugummi und ich fragte Sascha mehrmals, ob ihm schlimm langweilig sei, so langsam, wie wir vorankamen. Seine (so mittelmäßig beruhigende Antwort): “Nö, ich bin auch am Limit. Vielleicht musst du mich noch ins Ziel tragen.” – Was auf jeden Fall schöne Fotos gegeben hätte, aber, wenn ich das vorwegnehmen darf: War nicht nötig.

Dann war es endlich, endlich, endlich (!) soweit: Wir hatten den höchsten Punkt erreicht und ich konnte mein Foto machen. Und mal meinen Schuh ausleeren. Da hatte sich gefühlt der halbe Wald drin gesammelt und der ganze Dreck drückte langsam. Das hatte mich sowieso am meisten überrascht: Meine Beine taten kaum weh (also den Umständen entsprechend kaum), nur das rechte Knie zwickte irgendwie im Bereich der Kniekehle. Ganz komisch und für mich nicht erklärbar. Dafür taten die Füße weh. So, als würde ich seit Stunden auf High Heels stehen und mir bald Blasen laufen. Ab da ging es nur noch bergab. Also vom Profil her. Wer jetzt denkt “geile Sache”, dem muss ich eins sagen: Das ist der allerletzte Rotz! Beim Laufen ist es ja dummerweise so, dass man sich immer bewegen muss. Aufm Rad könnte man einfach den Berg runterrollen. Laufend geht das nicht. Und nach über 60 Kilometern muss man auch aufpassen, dass sich die Füße noch hoch genug heben, damit man nicht an irgendeiner Wurzel hängenbleibt oder über einen Stein stolpert. Deshalb freute ich mich – ihr werdet es ahnen – auf die nächste Steigung. Die kam ca vier Kilometer vorm Ziel. Ehrlich, ich konnte es echt kaum erwarten, dass diese eine Kurve vor dem letzten Anstieg kam. Wobei kurz vor dem Ziel eigentlich noch einer kam. Und dann noch ein kleiner. Aber erstmal den nächsten schaffen.

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Endspurt: Nur noch etwas mehr als zehn Kilometer bis zum Ziel.

Mein Forerunner bzw. dessen Akku hatte da übrigens schon den Geist aufgegeben. Nach ca 67 Kilometer und irgendwas um acht Stunden war das Limit erreicht. Das war richtig schwer für mich, weil ich nun auch keinen Überblick mehr hatte, wie lange wir eigentlich schon unterwegs waren. orientieren konnte ich mich zwar an den Kilometer-Schildern für den Halbmarathon, aber mein Hirn schaffte es nicht mehr, das Ganze für mich umzurechnen. Und ich sehnte das 70-Kilometer-Schild herbei. Es kam aber nicht! Eigentlich kam es schon, wie Sascha irgendwann berichtete. Ich hatte es nur nicht gesehen.

Und dann, ENDLICH, liefen wir in den Ort rein, am Rand stand ein 20-Kilometer-Schild. Also nur noch einen lächerlichen Kilometer! Hier standen auch schon viele Zuschauer, die uns anfeuerten, motivierten und beglückwünschten. Eine kleine Steigung gingen wir noch, dann kam der wirklich allerletzte Anstieg vor der Zielgeraden. Sascha fragte, ob wir versuchen wollten, den zu laufen. Ich stimmte zu. “Ich will jetzt endlich nach Hause!” Und überrascht mussten wir feststellen, dass der kleine Hügel gar nicht sooo weh tat.

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Lückenfüller-Foto 😉

Einlauf auf die Zielgerade. Endlich! Und noch bevor ich was sehen konnte hörte ich ein “Sie kommeeeen!” Das musste meine Schwester sein! Wir haben ja beide ein ähnlich zartes Stimmorgan, da erkennt man sich! Und da rannte sie schon auf uns zu, schrie irgendwas von wegen “Wiesel” und ich blieb erstmal stehen, um sie zu drücken. Von beiden Straßenseiten schrien außerdem meine Eltern, jeder mit dem Smartphone in der Hand. Erst lief ich zu meinem Papa und dann, ein bisschen torkelnd, noch auf die anderen Seite zu meiner Mama. Wie das in bewegten Bildern aussah, kannst du dir hier nochmal anschauen. Wir verabredeten, uns im Ziel beim AOK-Stand zu treffen. Denn neben meiner Garmin hatte auch mein Handyakku versagt. Keine Ahnung, wieso, aber das Ding war jedenfalls tot.

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Noch 200m. An beiden Seiten unzählige Menschen, die alle Läufer beklatschten, der Moderator, der unsere Namen vorlas und dann war sie da. Die Ziellinie. Sascha rief mir noch zu, dass ich für´s Zielfoto lächeln sollte (Hallo, wer ist hier der Blogger?!) und dann war´s geschafft. Wir umarmten uns, ließen uns unsere Medaillen umhängen und wankten zum Getränkestand. Und dann war nicht nur die Ziellinie da, sondern auch der Schmerz. Unglaublich, wie sich unsere Körper tatsächlich bis dahin einigermaßen zusammengerissen hatten. Denn jetzt tat ALLES weh. Und das Schlimmste: Um an unsere Kleiderbeutel zu gelangen, mussten wir bergab laufen. Autschn. Das dauerte ganz schön lange. Dann noch Finishershirts abholen, obligatorisches Medaillenkuss-Foto machen und dann suchte jeder von uns seine Eltern. Danke Sascha, dass du den Quatsch mit mir durchgezogen hast!

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Geweint hab ich im Ziel übrigens nicht. Eigentlich ungewöhnlich, weil ich ja sonst immer sehr heulsusig war. Möglicherweise war ich einfach zu fertig!

Mit meiner Schwester und meinen Eltern stand dann noch eine Fotosession an, dann humpelten wir zum Auto. Meine Schwester und mein Papa waren auch leicht angeschlagen, konnten aber doch ne ganze Ecke schneller gehen als ich. Auf dem Weg zum Auto sahen wir übrigens die Marathonläufer kurz vorm Zieleinlauf. Da diese aus der anderen Richtung kamen, hatten die zum Schluss (!) nochmal einen echt fiesen Anstieg zu meistern. Der Rennsteiglauf ist echt nichts für Weicheier! Allen Respekt den vielen, vielen Läufern, die diesen Lauf regelmäßig absolvieren. Wir sehen uns nächstes Jahr wieder! Ich komm dann allerdings wieder direkt und ohne Umweg aus Oberhof, das reicht völlig aus. Bis dahin versuche ich weiter zu verarbeiten, dass ich tatsächlich knapp 73 Kilometer und fast neun Stunden auf dem Rennsteig unterwegs war. So ganz angekommen ist das nämlich irgendwie noch nicht.

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Wenn fremde Leute unbedingt Fotos machen wollen…

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Danke an meine Eltern und meine Schwester für die Begleitung, meine Großeltern und Anne, die zwischendurch gewartet und mich so richtig stark aufgebaut haben, danke an euch alle für eure vielen lieben Kommentare vorher, währenddessen und hinterher. Und allergrößten Dank an die vielen, vielen freiwilligen Helfer an jedem einzelnen Verpflegungsstand. Hoffentlich geht euch der Nachwuchs nicht aus, denn ihr seid noch tausendmal wichtiger als jeder einzelne Läufer!

Bis 31.05.16 könnt ihr euch übrigens als „Early Bird“ für den Rennsteiglauf anmelden. Bis zum Start am 20.05.2017 hält euch dann die Facebook-Seite jederzeit auf dem Laufenden.

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Medaille UND Shirt – dafür lohnen sich die Strapazen allemal

13 Gedanken zu “INTERVALLTRAINING AM RENNSTEIG – DA LÄUFT WAS

  1. Starke Leistung! Zumal die Strecke wahnsinnig hügelig/bergig ist (ich komme aus der Region und habe früher selbst jede Woche am Rennsteig trainierT). Hut ab 🙂

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  2. Also meine liebe Isa, ich hab’s nun endlich auch mal geschafft deinen Bericht zum Rennsteig-Lauf zu lesen (was ich ja schon lange vor hatte) und ich muss sagen: richtig, richtig geil! Der Bericht sowieso und auch, dass du dort wirklich mitgemacht hast – du Verrückte! Hast definitiv meinen allerhöchsten Respeeeeeekt!!!

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