„VIEL SCHNELLER KANN ICH ABER NICHT!“

“Papa, da können wir doch auch mal mitmachen! Wir haben ja ein Jahr Zeit zur Vorbereitung.” Unter Alkoholeinfluss redet man einfach so viel Blödsinn; da meint man sogar, man könne einen Halbmarathon laufen! So geschehen im Mai 2005 auf der Geburtstagsfeier meines damaligen Freundes. Seine Mama erzählte nämlich davon, dass der Vater damals erst abends nach der Geburt ins Krankenhaus kam, weil er zuvor den Rennsteiglauf-Supermarathon lief. Und keine Ahnung, wie ich auf die Idee kam, aber ich schlug direkt vor, für das nächste Jahr den Halbmarathon anzupeilen. Und mein Papa sagte sogar zu! Und, noch schlimmer, er begann direkt am nächsten Tag mit dem Training. Ich hingegen lag verkatert im Bett. Ein Schauspiel, das sich jeden Sonntag wiederholen sollte. Auweia. Bis heute kann ich nicht erklären, warum ich damals dachte, ich könne 21 Kilometer laufen. Ich lief zu dem Zeitpunkt nämlich genau: ZERO!

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Zum Herbst startete ich dann allerdings so etwas wie eine Laufkarriere – eine Runde durch den Jenaer Paradiespark (ich habe in Jena studiert). Das sind rund 3,5 Kilometer und dauerte (je nach Begleitung) 18 bis 30 Minuten. Und gerade, als mir das Joggen (ja!) Spaß machte, riss ich mir das Kreuzband bei einem Skiunfall. Der Rennsteiglauf, auf den ich eigentlich nie ernsthaft trainiert hatte (und für den ich mich auch nie anmeldete), fand also ohne mich statt. Fand ich damals allerdings gar nicht so schlimm, ich hätte es ja eh nicht geschafft.

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Trotzdem ging mir der Lauf nie aus dem Kopf und 2013 war es dann soweit: Ich stand in Oberhof an der Startlinie des Halbmarathons (es war mein zweiter Halbmarathon überhaupt), allerdings ohne meinen Papa. Der war mit meiner Mama im Urlaub. Dafür waren meine Schwester und meine Großeltern als Groupies zur Stelle. Zwei Jahre später lief ich dann mit meiner Schwester und Laura und im vergangenen Jahr war dann meine Schwester mit unserem Papa unterwegs – während ich mir die volle Dröhnung aka Supermarathon gönnte. Kurz danach meldeten wir uns wieder an und natürlich wollte auch der Papa wieder dabei sein. Allerdings wollte er nicht mit uns, sondern “auf Zeit” laufen. Na danke auch! Leider hat sich meine Schwester im Skiurlaub verletzt, sodass es am Ende doch – elf Jahre später als geplant – zu einem Papa-Tochter-Lauf kam.

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Bis auf einen gemeinsamen Lauf an Ostern mussten wir getrennt voneinander trainieren. Ich hatte also keine Ahnung, wie der Rennsteiglauf “laufen” würde. Rennsteigläufer sollten übrigens gleichzeitig Earlybirds sein – Start des Halbmarathons ist 7:30 Uhr. Das hieß für uns: Aufstehen 5 Uhr, frühstücken und 6 Uhr Abfahrt nach Oberhof. Klingt bitter, ist es auch. Trösten kann man sich jedoch damit, dass die Supermarathon-Läufer bereits 6 Uhr auf die Strecke gehen.

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Am Start in Oberhof trafen wir bereits einige Bekannte unserer Eltern und alle hatten nur eine Frage: “Welche Zeit peilt ihr an?” Mein Papa sagte dann immer was von 2:30h und ich stellte mich dementsprechend auf einen relativ lockeren Lauf ein. Wobei man hier erwähnen muss, dass zweieinhalb Rennsteig-Stunden deutlich anstrengender sind als zweieinhalb Stadt-Stunden, falls du verstehst, was ich meine. Das Streckenprofil hat es nämlich echt ins sich!

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Wir starteten aus Block 5 und schickten demzufolge sehr viele Läufer vor uns auf die Strecke, bis wir endlich an der Reihe waren. Noch schnell das Rennsteiglied und den Schneewalzer singen und dann ging´s auch schon los. Und zwar schööön gemütlich. Das lag aber weniger an uns als an der Masse an Menschen, die ebenfalls mit uns startete. Zum Einlaufen aber wirklich in Ordnung. Nach etwa einem Kilometer ging es dann auch direkt auf den Rennsteig. Und zwar mit einem richtig schönen langen Anstieg. Die meisten Läufer, die sich noch laufend bis hierhin “retten” konnten, wechselten hier bereits ins Gehen und wir konnten endlich überholen. Da mein Papa auf seiner Trainingsstrecke auch ein paar “giftige” Anstiege hatte, machten ihm die Berge keinerlei Probleme. “Gut, dass ich Intervalltraining gemacht habe“, meinte er einmal, als wir uns zwischen vielen anderen einen Berg hoch kämpften.

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Nur manchmal, wenn ich etwas schneller überholte, kam von ihm ein “Viel schneller kann ich aber nicht!” Konnte er aber. Bergab haben wir dann nämlich ordentlich Tempo aufgenommen. Und so flogen die Kilometer förmlich an uns vorbei und ich bemerkte irgendwann, dass die Strecke kaum ebene Stücke zu bieten hatte. Entweder, du rennst bergauf oder eben bergab. War mir irgendwie bei meinen drei vorherigen Starts gar nicht so bewusst. Und dann kam schon der letzte wirklich schlimme Anstieg hoch zum “Großen Beerberg”, der gleichzeitig den höchsten Punkt des Laufes war. Erfreut, weil es so gut lief, musste ich den Moment gleich mal snappen. Man muss ja auch an die Follower denken, wa?!

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Und so rannten wir weiter und gönnten uns nur an den Verpflegungspunkten eine kurze Pause. Da blieben wir auch mal stehen. An diesem Punkt muss ich auch gestehen, dass ich meinen Papa morgens noch gefragt hatte, ob er auch im Rennen trinken könne. Über seine Antwort kichere ich übrigens immer noch: “Also die Bea und ich haben uns letztes Jahr immer hingesetzt und Vesper gemacht!” Beim Rennsteiglauf trinkt man aber auch wirklich nicht im Vorbeigehen. Eigentlich alle um uns rum blieben stehen, aßen und tranken und zogen dann gemütlich weiter. Ein richtiger Genusslauf eben. Auch an den vielen Engstellen (im Wald ist halt nicht so viel Platz wie auf einer Hauptstraße in Berlin) blieben die Läufer ruhig, es wurde nicht gepöbelt oder geschubst. Selbst ich blieb vollkommen ruhig und das will was heißen. 😉

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Und dann, ganz plötzlich, liefen wir ein in Schmiedefeld und ich versuchte, meine Schwester anzurufen. Schließlich würden wir rund 20 Minuten früher als geplant vorbeikommen. Leider funktionierte der Shuttle-Service für die Zuschauer nicht wie gewünscht – die Läufer kreuzen an einer Stelle die Straße, sodass der Bus nicht weiterfahren konnte. Das Drama aus Beas Sicht kannst du hier  nochmal nachlesen. Jedenfalls schafften es die beiden nicht rechtzeitig zum Zielgelände, dafür waren wir einfach zu duracellwieselmäßig unterwegs und überquerten die Ziellinie nach richtig guten 2:10:07h. Da war ich wirklich sehr stolz auf meinen Papa. 2006 hätten wir so ein Ergebnis garantiert nicht geschafft, haha. Bald trafen wir jedoch Bea und Mama, machten viele schöne Fotos, staubten an den verschiedenen Ständen jede Menge Getränke und Geschenke ab, holten uns was zu essen und schauten uns den Zieleinlauf der letzten Halbmarathonis an und, was wirklich jedes Mal aufs Neue Gänsehaut verursacht: Die Ankunft der Sieger des Marathons und des Supermarathons.

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Und genau diese Momente führten dazu, dass ich mich bereits für 2018 angemeldet habe. Denn wie sagt meine Freundin Katrin so schön? “Einmal Rennsteig, immer Rennsteig!” Bis zum 03.06.17 kannst du übrigens die Sofortanmeldung abschicken. Wir sehen uns dann also am 26.05.2018 im schönsten Ziel der Welt.

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Bis dahin möchte ich vor allem den Neulingen, aber auch den “alten Hasen” ein paar Tipps mit auf den Weg geben beziehungsweise um ein paar Dinge bitten:

  • Wenn ihr gehen müsst (was bei dem Profil keine Schande ist), macht das doch bitte am rechten Seitenrand. Und nicht überall verteilt oder sogar nebeneinander.
  • Tut euch, eurem Körper und den Mitläufern im Gegenzug den Gefallen, mal ein wenig mehr zu trainieren. Bei vielen kommt es mir zumindest so vor, als würde einmal im Jahr halt der Rennsteiglauf auf dem Programm stehen und davor und danach passiert nicht viel. Denn, bei aller Liebe: Es ist nicht normal, schon kurz nach dem Start zu gehen!
  • Auch wenn ich im ersten Jahr selbst diesen Fehler gemacht habe: Lasst die Kopfhörer zu Hause und genießt stattdessen unseren wunderschönen Thüringer Wald, die unglaubliche Stimmung und die Freundlichkeit und der Begeisterung der vielen ehrenamtlichen Helfer.

9 Gedanken zu “„VIEL SCHNELLER KANN ICH ABER NICHT!“

  1. Was für ein köstlicher Bericht am frühen Morgen ….. besonders der Teil mit : wir haben uns immer hingesetzt & gevespert 😂😂😂😂

    Und genau: Geht doch bitte RECHTS ….. & erst recht nicht in 2er oder 3er Formation ….. 🙄🙄🙄🙄 ( 👈🏻 Das is echt anstrengend)

    Auf alle Fälle macht es Lust selbst daran teilzunehmen 👌🏻

    Liebe Grüße

    Uta

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  2. Herzlichen Glückwunsch zu der Klassezeit!
    „Unter Alkoholeinfluss redet man einfach so viel Blödsinn“ -> So kam ich zu meinem ersten und bisher einzigen Marathon 😀

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  3. Das mit den Geh-Pausen mitten im Weg finde ich auch immer nervig. Bin ja nicht so der Super-Läufer und wenn ich gehen muss, dann so, dass ich aus dem Weg bin.

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  4. Von mir ist der Spruch : Viel schneller kann ich aber nicht. Es ist ein Super Bericht und der Lauf hat auch Spaß gemacht. Ich freue mich schon auf nächstes Jahr, wenn wir dann zu dritt laufen.

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  5. Was für ein wunderschöner Bericht! Ich habe deinen Blog erst kürzlich entdeckt, und möchte hier stellvertretend für alle Beiträge ein Kompliment hinterlassen. Deine Laufberichte sind unglaublich unterhaltsam, insbesondere beim Teil mit der Vesper habe ich ganz schön geschmunzelt. Und deine gute Laune auf den Fotos ist einfach ansteckend!
    Liebe Grüsse
    Ariana

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