DIE GELBE GEFAHR ODER: WIE MAN SICH ALS PACEMAKER FÜHLT

„Isa, brauchst noch nen Startplatz für den Stadtlauf?“ – „Öh, och, joa, also, wenn sie noch nen Pacer für den Halbmarathon suchen, würde ich gerne auf sub2 pacen.“ Ach, es ist schon gut, wenn man „Beziehungen“ hat. Wie du ja sicher weißt, hängen wir ständig mit „Herrn und Frau Wiesel“ aka Dennis und Susi zusammen und da Dennis bei SportScheck arbeitet, sitzt er sozusagen an der Quelle. Ein paar Tage später nach unserem Gespräch kam dann die Mail, dass noch Pacemaker gesucht werden. YES!

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Wie du vielleicht weißt, stand ich bereits dreimal als „privater Pacer“ an einer Halbmarathon-Startlinie. Einmal hat´s geklappt, zweimal nicht, wie du hier und hier nachlesen kannst. Dementsprechend aufgeregt war ich auch, obwohl der Druck ein anderer war. Ich musste einfach nur funktionieren, wer nicht mehr hätte mitlaufen können, hätte eben – so hart es klingt – Pech gehabt. Trotzdem hab ich mir natürlich Gedanken gemacht. Ich musste so konstant wie möglich laufen, nicht zu schnell und schon gar nicht zu langsam und dann ist da ja immer noch diese „angezeigte vs. Schilder-Kilometer-Diskrepanz“, die man oft hat. Manchmal zeigt die Uhr weniger Kilometer an (gut, dann hat man einen Puffer), manchmal weniger (schlecht, weil mann dann beschleunigen muss). Und aus den vergangenen beiden Jahren wusste ich: Am Start kann es sich auch mal richtig stauen und man kommt in einer 7er-Pace kaum vom Fleck.

Um der Zielzeit von 1:59:59h so nah wie möglich zu kommen, war meine Marschroute folgende: Durchschnittspace zwischen 5:40 und 5:38min/km und bei den Kilometerschildern wird überprüft, ob ich tatsächlich auf Kurs liege. Da ich nicht rechnen kann und das bei sauerstoffunterversorgtem Hirn auch nicht tun sollte, hab ich mir die wichtigsten Zwischenzeiten auf den Arm geschrieben.

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Bevor ich mich in den Startblock stellte, musste ich mich natürlich erst einmal mit Susi und Dennis treffen, das Essen im VIP-Zelt begutachten (schade, dass ich laufen musste – es gab nutella-Brötchen, Blätterteigteilchen, Jogurt…) und – besonders wichtig – Fotos machen. Und jetzt ratet mal, was passiert, wenn sich zwei Mädels mit je einem Ballon (auf dem eine Zeit von plus/minus zwei Stunden drauf steht) ganz vorne in den Startblock stellen, weil sie gerne das Start-Tor auf dem Bild haben wollen! Jawoll, Genöle. „Hier könnt ihr aber nicht stehen!“ „Ihr wollt doch nicht etwa von hier starten?!“ „Startet ihr etwa hier?“ Leute, wir wissen natürlich, dass sich viele Leute überschätzen oder auch einfach nur unverschämt sind; aber so dreist sind wir dann doch nicht. Wenn, dann hätten wir uns ganz unauffällig unters Volk gemischt und nicht mit neongelben Leibchen und einem riesigen Ballon an der Hand. 😉

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Danach sind wir ganz brav in den uns zugewiesenen Startblock gegangen und ich habe mich auf die Suche nach Mitstreitern gemacht. Einige Mädels äußerten zumindest vorsichtig, sich mal ranhängen zu wollen, schielten aber gleichzeitig nach hinten zu Susis 2:15h-Ballon. Nur ein Mädchen sagte direkt: „Ich versuch´s mal, es ist mein erster Halbmarathon und eigentlich will ich auch schneller laufen. Aber für den Anfang bleibe ich auf jeden Fall bei dir.“

Und dann gab´s auch schon eine Laola und den traditionellen Countdown und los ging´s. Und im Gegensatz zu den vergangenen Jahren flutsche es direkt von Anfang an. Da der Marienplatz derzeit eine Baustelle ist, musste der ganze Stadtlauf-Tross auf die Ludwigstraße umziehen und ich muss sagen, es konnte uns nichts Besseres passieren. Bitte im kommenden Jahr wieder GENAU SO! Nach nur 400 Metern hatte ich meine Zielpace erreicht, besser konnte es nicht laufen. Tabea – das Mädchen mit dem Halbmarathon-Debüt blieb brav an meiner Seite und plauderte auch munter drauflos. Bei meinem ersten Halbmarathon hätte ich nicht reden können! Da dachte ich übrigens auch, man können den Pacemakern davonlaufen, was mi damals zwischen Kilometer acht und 17 gelang. Dann kamen die Pacemaker, überholten mich und verschwanden auf Nimmerwiedersehen.

DAS scheint übrigens ein gar nicht so seltenes Verhalten zu sein, wie mir während des Laufs auffiel. Die Reaktionen, wenn ein Pacemaker vorbeiläuft, sind durchaus vielfältig: Die einen sagen „Hey, cool, da hängen wir uns ran!“ oder auch „Läuft die korrekt?“ (Öh, JA!). Witziger sind allerdings folgende Läufertypen: Diejenigen, die sich umdrehen, sagen „Oh nein, du darfst mich nicht überholen!“ oder die, die plötzlich Panik bekommen und zu einem Zwischensprint ansetzen, in der Hoffnung, mich dadurch abschütteln zu können (je weiter fortgeschritten der Lauf, desto häufiger kam das dann vor). Was alle vereint: Keiner bedenkt, dass ich ja später gestartet bin (da ich sie ja überholt habe) und sie daher tendenziell zu langsam wären, würden Sie sich noch an mich ran hängen.

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Und so ging´s in einer weißen Läuferschlange durch den gesamten Englischen Garten, das Wetter war zunächst sehr schwül, als Regen einsetzte, kam das mir auf jeden Fall zugute. Läuferisch lief alles gut und ich passierte die Zwischenzeiten einigermaßen nach Plan (tendenziell eher ein wenig zu schnell). Was mir eher Schwierigkeiten bereitete, war der Ballon, der vom Wind fröhlich hin und hergeblasen wurde und dem ein oder anderen Läufer gegen den Kopf geschleudert wurde (zum Glück wiegt so ein Ballon nichts!). Und dann wollte ich natürlich auch nicht riskieren, mich damit in einem Baum zu verheddern. Was aber ein noch größeres Hindernis war: Die vielen Läufer mit Kopfhörern, die einfach NICHTS um sich herum mehr mitbekommen haben. Ja, ich bin in den Anfangszeiten auch mit Musik gelaufen, aber mittlerweile nervt mich das wirklich massiv. Die bekommen ja nicht mit, wenn jemand überholen möchte und manchmal bekommt man auch noch einen unhöflichen Spruch hinterhergerufen. Danke für nichts!

Und was mir auch auffiel, da ich ja wirklich viele verschiedene Läufer von hinten gesehen habe: Der „Instagram-Laufstil“ ist wirklich nicht das größte Problem unserer westlichen Zivilisation, da gibt´s weitaus schlimmeres. Und trotzdem kamen sie alle vorwärts und hatten (behaupte ich mal) Spaß bei der Sache.

Ansonsten hab ich aber wirklich (fast) nichts zu meckern: Es gab genug Verpflegungsstände, die Helfer waren superschnell und haben uns angefeuert und es gab auch keine größeren Schlangen. Was mich nur immer wieder ärgert: Wie Läufer mit ihrer ach so geliebten Natur umgehen. Ist es denn so ein großer Kraftakt, den leeren Becher IN die Mülltonne zu werfen statt daneben? Und es gab mehr als genug Mülltonnen, die man hätte nutzen können.

Am vorletzten Verpflegungsstand (Kilometer 15 etwa, glaube ich) verließ mich übrigens Tabea, weil sie sich so gut fühlte, dass sie noch ein bisschen mehr aus sich rauskitzeln wollte. Dafür häuften sich ab da die Begegnungen mit Läufern, die mich dezent verfluchten, weil ich ihnen vor Augen hielt, dass es möglicherweise eng werden könnte mit den zwei Stunden. Ich hab zwar versucht, alle zu beruhigen und hab meine aktuelle Laufzeit durchgegeben, aber viele hatten gar keine Uhr, um zu checken, ob sie noch einen Puffer hatten.

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Und dann waren es nur noch zwei Kilometer und auch ich war froh, dass ich mich dem Ziel näherte. Die Beine waren doch langsam etwas schwer, zeitlich war ich aber voll auf Kurs, beziehungsweise sogar dezent zu schnell. Nur noch ein letzter Schlenker im Englischen Garten, ab durch die Unterführung am Eingang des Parks, einen kleinen Hügel hoch (der war schon ein bisschen fies so kurz vor Schluss) und dann ging´s auf die letzten Meter, wo sich ein paar Mitstreiter dann doch zu erkennen gaben: „Du bist wirklich maximal eine Sekunde von der Pace abgewichen. Super gemacht, vielen Dank!“ oder auch „Vielen, vielen Dank für´s Ziehen!“ „Hat Spaß gemacht, sich an dich zu hängen.“ Und dann machten sie sich alle auf zum Zielsprint. Und ich hinterher. Ach, war das schön! Auch im Ziel haben sich noch einige bedankt und diese vielen strahlenden Gesichter waren wirklich Gold wert. Und die Medaille, die es auch für mich gab. 😉

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Ob ich wieder pacen würde? Na UNBEDINGT! Wann und wo geht´s los? Für meine nächsten Läufe brauche ich jedoch selbst einen Pacemaker. Aber danach bin ich wieder zu haben! Seid ihr schon einmal mit Pacemaker gelaufen? Oder habt ihr vielleicht schon einmal anderen Läufern zu einer neuen Bestzeit verholfen? Erzählt mal von euren Erfahrungen!

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