WARUM MARATHON AUCH KOPFSACHE IST: MEIN RÜCKBLICK ZUM HAMBURG MARATHON

„An den Landungsbrücken raus, dieses Bild verdient Applaus und noch 200 Meter, jetzt geht der Fallschirm auf…“(Kettcar – Landungsbrücken raus)

Als ich die Community auf Instagram nach Liedern für meine imaginäre Marathon-Playlist gefragt habe, wurde mir unter anderem dieses Lied vorgeschlagen. „Aber nicht, dass du dann an den Landungsbrücken wirklich rausgehst!“, schrieb mir noch jemand. Und ich so: „Nein, nein, keine Sorge! Das wird großartig!“ War der Marathon an den Landungsbrücken auch noch. Ich hab gelacht, Leute abgeklatscht, die Stimmung genossen und mich einfach nur gefreut, 42,195km durch Hamburg laufen zu können. Vor zwei Jahren bin ich schließlich Bestzeit gelaufen, warum sollte das nicht wieder klappen?

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Der längste Marathon der Welt

Wie ich trainiert habe, konntest du ja sowohl auf dem Blog als auch auf Instagram ausführlich verfolgen. Ich hatte hart trainiert, fühlte mich fit und war hoch motiviert. Bis zu Kilometer 20. Da hab ich zum ersten Mal gedacht, dass es noch ganz schön weit ist. „Noch mehr als die Hälfte, auweia!“ Und ab da ging´s bergab. Mir war warm, ich wollte permanent trinken und was ich nicht mehr wollte, war laufen. Gedacht hab ich mir da nur „Ogottogott, noch so weit bis Kilometer 35 und da geht der „Spaß“ ja erst so richtig los!“ Von dem Moment an hab ich eigentlich alles falsch gemacht, was man nur falsch machen kann: Statt mir vorzurechnen, welche enorme Strecke ich schon hinter mir hatte, hatte ich nur im Kopf, wie WEIT es noch bis zum Ziel ist. Statt mir das Rennen von da in kleine Häppchen (zum Beispiel von Verpflegungspunkt zu Verpflegungspunkt) einzuteilen, rechnete ich nur noch, wie weit es bis etwa Kilometer 36 sein würde, dort wollte meine Schwester ungefähr stehen. Und statt von da an einfach Druck rauszunehmen und das Rennen zu genießen, wie ich es 2017 in Berlin gemacht habe, war ich einfach nur enttäuscht über mich selbst, hab mich über die „vergeudete Trainingszeit“ geärgert und einfach aufgegeben. Klar, ich bin ins Ziel gekommen. Aber fast 20 Minuten später als angepeilt. In Berlin war ich vier Minuten schneller und hatte nicht volle vier Monate wie eine Besessene trainiert. (Als ich meine Schwester endlich am Rand hab stehen sehen, wäre ich am liebsten dort geblieben und am Cheeringpoint der adidas Runners konnte ich mich auch nur für die paar Meter zusammenreißen und lachen.)

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Woran es genau lag, kann ich immer noch nicht sagen, aber was ich weiß: Negative Gedanken machen es nicht besser. Weißt du, wie viele Menschen vom Streckenrand motivierende Sprüche zugerufen haben? Aber egal ob „Du schaffst das!“ „Du siehst super aus!“ oder „Gleich ist´s geschaft!“: Ich hatte einfach keine Lust mehr und auch keine Energie, mich zusammenzureißen. Na klar würde ich den Marathon schaffen! Aber wie lange zur Hölle würde er noch dauern? Die Kilometer zogen sich einfach unendlich lange hin. Es war übrigens auch nicht besonders hilfreich, dass ich in „meinem Feld“ nicht die Einzige war, die immer wieder gegangen ist und vor sich hingeschimpft hat – zu zweit kann man sich gleich noch besser runterziehen. Wäre allerdings schlauer gewesen, wir hätten uns alle gegenseitig Mut gemacht und die Arschbacken zusammengekniffen. Aber hätte, hätte, Fahrradkette. Haben wir halt nicht. Ich war unendlich froh, als es endlich vorbei war und ich bin ehrlich: Ich habe nicht einmal den Zieleinlauf genossen. Im Ziel hab ich dann noch ein paar Freunde getroffen, die ich mit meinem Frust direkt vollgeblubbert habe und auch den Rest des Tages habe ich immer wieder nach einer Erklärung gesucht, was da jetzt schief gelaufen ist. (Mein Papa glaubt: Zuviel Training und zu viele Gedanken gemacht.) Nicht einmal auf ein Franzbrötchen hatte ich Lust, obwohl die lieben adidas Runners Hamburg besonders große und schöne Exemplare für uns Läufer besorgt hatten.

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Die Marschroute für die kommenden Läufe

Während des Laufs hab ich übrigens mehrfach gedacht, wie dumm es doch sei, dass ich mich schon für den nächsten Marathon, nämlich in New York angemeldet habe. Dort steht aber nur noch eine Sache auf dem Plan: Spaß haben und WIRKLICH genießen. Klar, so ein Marathon tut in der Regel immer irgendwann weh. Aber das „irgendwann“ werde ich beim nächsten Mal so weit wie möglich rauszögern. Auch alle anderen Läufe, die ich dieses Jahr noch bestreite, möchte ich JUST FOR FUN (und für die jeweilige Medaille) machen. Trainiert wird selbstverständlich ganz normal und fleißig, aber für die zweite Jahreshälfte nehme ich den Druck raus. Vielleicht schaffe ich ein andermal die 3:50 Stunden, das Potenzial ist ja grundsätzlich da.

Susi von Runskills ging es übrigens in Limassol ganz ähnlich, wie du hier nochmal nachlesen kannst. Dort findest du auch ein paar Tipps, wie du mit solchen Rückschlägen umgehen kannst.

Vom Profi lernen

Ein gutes Beispiel für „Immer einmal mehr aufstehen als man hingefallen ist“, findest du in Laufprofi Philipp Pflieger. Seinen ersten Marathon (2014 in Frankfurt) konnte er nicht beenden, ein Jahr später schaffte er jedoch in Berlin nicht nur sein erstes Finish, sondern auch die Norm für die Teilnahme am Olympischen Marathon. Zwar erst nachdem die geforderten Zeiten geändert wurden, aber wir wollen mal nicht kleinlich sein. Eine Teilnahme an Olympischen Spielen ist eine Teilnahme an Olympischen Spielen. Nach Verletzungspech musste Philipp zunächst seinen Start beim Hamburg Marathon 2017 absagen, in Berlin musste er kurz vorm Ziel aufgeben, nachdem er kollabierte.

In Hamburg gelang ihm dieses Jahr nicht nur sein „Comeback“, sondern er erreichte auch die EM-Norm. (Die Leichtathletik-EM findet dieses Jahr übrigens in Berlin statt!) Mehr als ein Grund für mich also, ihn mal zu fragen, wie er selbst mit Drucksituationen umgeht.

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Wie gehst du generell mit Druck um? Machst du dir selbst überhaupt Druck? Für uns Freizeitläufer ist das ja immer schwer zu greifen, wie sich das wohl für jemanden anfühlen muss, bei dem es wirklich um was geht: Siege, Quali-Zeiten, Sponsoren… Pusht dich das zusätzlich oder lähmt es dich auch hin und wieder? Hast du spürbaren Druck von außen (beispielsweise Verein oder Sponsoren)?

Da ich mich selbst als meinen größten Kritiker empfinde, würde ich sagen, dass auch ich mir selbst am meisten Druck auferlege. Ich investiere sehr viel Zeit und Energie in die Art und Weise, wie ich meinen Sport auslebe und auch wenn ich mir sehr wohl bewusst bin, dass es ein großes Privileg ist, sein Hobby zum Beruf machen zu dürfen, verbinde ich seit jeher auch eine dementsprechende Anspruchshaltung an mich selbst. Natürlich kann man sich auch von Druck von außen bspw. durch Medien etc. schwer komplett frei machen, aber nachdem ich mich nun ja doch auch schon einige Jahre in diesem Business bewege, denke ich, kann ich sehr gut damit umgehen.

Hast du auch mal keine Lust auf Training und falls ja, wie kriegst du deinen Hintern dann trotzdem hoch? Hast du schon mal Trainingseinheiten „geschwänzt“? 

Ja, tatsächlich bin auch in ein Mensch und natürlich habe auch ich nicht jeden Tag immer Bock auf Training, da bin ich ganz ehrlich. Wenn man während einer Marathonvorbereitung um die 200km pro Woche läuft und das in der Regel zwölf Wochen vor sich hat, macht auch nicht jeder Lauf Spaß. Eine Trainingseinheit ausgelassen habe ich aber trotzdem selten, außer, ich habe mich wirklich so platt gefühlt, dass ich keinen Sinn darin gesehen habe, mich noch weiter in den Keller zu trainieren. Grundsätzlich hilft es, glaube ich, enorm ein Ziel zu verfolgen, dem eben auch ein entsprechender Trainingsplan zu Grunde liegt. Nur „just for fun“ zu laufen kann ich mir zwar auch sehr gut vorstellen, dann aber sicher keine 200km die Woche. 😉

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Du konntest vergangenes Jahr nicht in HH starten, weil du verletzt warst. Wie hast du dich zurückgekämpft / welche Tipps hast du, wie man nach einer Verletzung wieder locker an die Sache rangehen kann? Hast du in der Vorbereitung auf Berlin und dann auch auf Hamburg dran gedacht / dir Sorgen gemacht, dass du dich wieder verletzen könntest? Läuft diese Angst im Hinterkopf mit oder kannst du das komplett ausblenden?

Nein, ehrlicherweise überhaupt nicht. In dem Moment, in dem ich eine Verletzung überstanden habe – sprich auch keine Schmerzen mehr habe – verschwindet das bei mir komplett aus dem Kopf. Dass auf dem extremen Level, wie ich meinen Sport betreibe, Verletzungen auch zum Tagesgeschäft gehören können, habe ich früh gelernt zu akzeptieren. Ich denke, man muss da auch sehr klar unterscheiden zwischen Gesundheitssport in der Freizeit und (Hoch-)Leistungssport (als Beruf). Letztere Spezies ist immer bestrebt, die rote Linie noch ein kleines bisschen weiter zu verschieben bzw. sich dieser anzunähern und manchmal lässt es sich eben leider auch nicht vermeiden, dass man diese überschreitet und dann eine dementsprechende Quittung vom eigenen Körper bekommt.

In Berlin bist du relativ kurz vorm Ziel zusammengebrochen. Nichts ging mehr. Hat dich das in der Vorbereitung auf HH irgendwie beeinflusst? Hast du während des Marathons daran gedacht? Oder ist da gar keine Zeit für solche Gedanken? (Wenn man vier Stunden und länger läuft, hat man nämlich sehr viel Zeit für blöde Gedanken.) Wie hast du Berlin körperlich, aber auch mental weggesteckt / verarbeitet? Spricht man da mit dem Trainer oder der Gruppe drüber oder machst du sowas mit dir allein aus?

Auch hier ging es mir ähnlich – während des Hamburg Marathons oder in der Vorbereitung darauf waren die Ereignisse vom Berlin-Marathon für mich kein Thema mehr, das hatte ich verarbeitet. Ich habe mir aber im Anschluss an Berlin im Herbst 2017 wirklich mal eine längere Auszeit vom (Leistung-)Sport gegönnt und bin für etwa vier Wochen überhaupt nicht gelaufen. Psychisch habe ich das mit mit selbst ausgemacht, aber unter sportfachlichen Gesichtspunkten habe ich zusammen mit meinem Team, also Trainern, Ärzten und Ernährungs-/Sportwissenschaftlern versucht zu analysieren, was die Faktoren waren, die zu dem Zusammenbruch geführt haben.

In Hamburg wolltest du dich für die EM qualifizieren (was ja auch geklappt hat). Hattest du einen Plan B, falls es nicht klappt? Auf eurem Niveau läuft man ja eher nicht nach zwei Wochen nochmal nen Marathon, um es nochmal zu versuchen… 

Es stimmt zwar, dass auch ich auf diesem intensiven Level im Prinzip nur zwei Marathons pro Jahr für sinnvoll halte, in wenigen Ausnahmen vielleicht auch mal drei, aber dann trotzdem mit entsprechender Nach- & Vorbereitung. Speziell für die EM in Berlin hätte es insofern auch keinen Plan B mehr gegeben, zumal der Hamburg Marathon auch schon ziemlich am Ende des Qualifikationszeitraums lag. Für Marathonläufer im Allgemeinen gibt es aber fast immer einen Plan B. Bei mir wäre es dann vermutlich auf einen schnellen Stadtmarathon im Herbst hinausgelaufen bei dem ich versucht hätte das umzusetzen, woran ich im Vorjahr noch gescheitert bin.

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Jetzt hast du den Marathon souverän gefinisht, die Norm ist im Sack und schon geht es weiter mit dem Training Wie lange hattest du Zeit, dich zu erholen und was hast du da so gemacht? Muss man dich jetzt in der Vorbereitung zusätzlich pushen oder bist du von Haus auf so heiß auf Berlin im August, dass es da nix zusätzlich braucht? Du hattest letzte Woche (Anm.: Beim Launch des SOLARBOOST-Schuhs von adidas Mitte Mai.) ja schon gesagt, dass du schon wieder heiß drauf bist…

Also bei einem normalen Setup von Frühjahrs- zu Herbstmarathon und dem entsprechenden zeitlichen Abstand, hätte ich mir wahrscheinlich schon eine Mischung aus zwei bis vier Wochen Regeneration und aktiver Erholung gegönnt, bevor ich wieder mit ernsthaftem Training begonnen hätte. Die Zeit hatte ich diesmal nicht, da der EM-Marathon schon am 12. August stattfindet, d.h. ich hatte nach Hamburg zunächst mal nur drei komplette Ruhetage und habe dann schon wieder sukzessive angefangen langsam zu laufen (6 Tage nach Hamburg war ich schon wieder bei der SOLA-Stafette in Zürich am Start) und mir hier und da noch den ein oder anderen Tag Pause zu gönnen. Das ist sicherlich ein ambitioniertes Programm, aber in diesem speziellen Szenario einfach nicht anders machbar, wenn ich bei der EM in Berlin fit an der Startlinie stehen möchte und ich habe dann ja ab August durchaus die Möglichkeit etwas an Regeneration/Urlaub nachzuholen. An Motivation für eine EM im eigenen Land mangelt es auf jeden Fall nicht bei mir, denn das wird für meine Karriere höchstwahrscheinlich die letzte Gelegenheit für ein internationales Großereignis im eigenen Land.

Gibt es etwas, dass du uns Freizeitathleten mit auf den Weg geben möchtest?

Eine Botschaft, die ich gerne an die Garde von ambitionierten Freizeitsportlern richten möchte ist die: Traut euch was! Ich kann mir nur vorstellen wie viel Motivation, Biss und Energie es kosten muss, neben einem 40h-Job (und Familie?) noch mehrfach die Woche Sport zu treiben. Und dennoch bin ich absolut davon überzeugt, dass wenn man sich wie ein Profi für zwölf Wochen wirklich auf ein großes Ziel konzentriert (einmal im Leben einen Marathon finishen, Sub 4h, Sub 3h, oder was auch immer) und für diese dann doch auch irgendwie überschaubare Phase mal den vollen Fokus auf ein sportliches Lebensziel setzt, dafür vielleicht sogar mal fünf, sechs oder sogar jeden Tag die Woche trainiert, man sich wahrscheinlich selbst überraschen wird, was an Fähigkeiten alles so in einem steckt. Der Stolz auf solche sportlichen „Life-Time To-Do’s“ und vor allem auf den zurückgelegten Weg dorthin wird ewig bleiben und man lebt schließlich nur einmal. Also was hat man zu verlieren?

Und dann noch eine Frage, die ich mir schon immer gestellt habe: Bekommt ihr Profis eigentlich auch eine Finisher-Medaille und wenn ja: Bewahrst du die auf oder ist das für dich nur ein Stück Blech?

Tatsächlich bekommen wir Profis häufig im Marathonziel gar keine Finisher-Medaille, weil es unmittelbar nach dem Zieleinlauf direkt zu den Fotografen und Interviews geht und wir somit gar nicht den typischen „Gang“ durch die Finish-Area antreten, wo ja meist dann auch die Medaillen verteilt werden. Ich muss zugeben, dass ich mir nicht sicher bin, ob ich von meinen drei (von fünf Starts) gefinishten Marathons (Berlin, Rio, Hamburg) überhaupt eine Medaille besitze. (Anm.: Dann lieber um vier Stunden rumdaddeln und ne Medaille kassieren, haha.)

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Philipps Fotos stammen von Ruben Elstner.