MONDAY MOTIVATION: CLAUDINE LÄUFT GEGEN DIE DEPRESSION

„Wovor läufst du denn weg?“ Hand aufs Herz, wer hat diesen Spruch noch nicht gehört? Weil man „so viel“ läuft? Und das „unmöglich noch gesund“ sein kann? Und egal, was du darauf antwortest – dein Gegenüber versteht es ja doch nicht, richtig? Laufen ist mehr als nur ein Spor.  Laufen bedeutet Auspowern und Ausgleich, Laufen ist Entspannung und für viele ist Laufen wie eine Therapie. Um den Alltag abzuschütteln oder um Aggressionen abzubauen. Claudine läuft „für das Gefühl danach“. Claudine erkrankte 2016 an Depressionen. Laufen half ihr dabei, wieder auf die Beine zu kommen. Und hilft ihr immer noch. Jeden Tag.

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„Mein Name ist Claudine, ich bin 39 Jahre alt, Mama eines 5-jährigen Mäusekönigs und in einer Partnerschaft mit einem Mann, der die Welt rettet. Läuferin mit einer Angststörung und Depression. Wir leben in einem 600-Einwohner-Ort in Hessen. Ich bin Erzieherin in einer KiTa und liebe meinen Job sehr. Sport mache ich schon immer. Die Lust aufs Laufen kam erst mit 20.“

Du hattest Depressionen. Wie kam es dazu und wie hat sich das bemerkbar gemacht?

„2016 änderte sich mein Leben komplett. Ich hatte Jahre zuvor Vorboten. Schwindel, Übelkeit, Schmerzen, depressive Verstimmungen, postnatale Depression nach der Geburt meines Sohnes. Holte mir nie Hilfe. Ich schaff das schon, dachte ich. Ende August 2016 spürte ich von Tag zu Tag mehr, wie mich etwas versuchte auszusaugen. Wie eine Zecke. Ich war müde, gereizt, hatte nie Hunger, heulte, Schlaf war Mangelware über Monate, Streit in der Familie, vermisste meinen Job, war müde, so müde… Ich bekam die Diagnose HWS-Bandscheibenvorfall. Ich dachte sofort: Nie wieder laufen! Von heute auf morgen begann ein nicht aufhörender Schwindel. Ich redete mir jeden Tag „mutig“ ein, dass der Bandscheibenvorfall sicher schon so weit fortgeschritten war, dass er Nervenzellen befällt und ich einen Schlaganfall bekommen würde. Ganz sicher. Oder es war ein Herzinfarkt, ich hatte schließlich einen Ruhepuls von 110! Es könnte auch ein Hirntumor sein.

Ich redete mir jeden Tag ein, ich würde sterben. Ich spürte es.  Ich legte mich ins Bett. Sicher ist sicher. Dort passiert mir nichts. Ich lag tagelang, kümmerte mich um nichts mehr. Ich hatte schließlich eine schlimme Krankheit. Ich wusste noch nicht, welche, aber ich blieb zur Sicherheit liegen. Ich hatte Angst. Todesangst. Bekam Panikattacken. (Heute weiß ich das, damals dachte ich, es sei der Schlaganfall, den ich mir diagnostizierte.) Ärzte, Kliniken, Infusionen, Bett. Endlich Wirbelsäulenzentrum. Tests. Überweisung in die Klinik in Fulda. Verdacht auf Hirntumor. Mein Untergang. Panikattacke noch in der Praxis. In der Klinik lag ich 12 Stunden auf einer Liege. CT-Befund: Kein Tumor. Man schickte mich nachts um eins nach Hause. Keiner kümmerte sich. Man drückte mir Tavor (ein Beruhigungsmittel) in die Hand und schmiss mich sozusagen raus. Mein Freund kam nachts mit unserem kleinen Sohn, um mich zu holen.

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Mein Albtraum begann. Keine Trauer, keine Freude, als ob ich im Klinikum in Fulda meine Seele an einen Haken gehängt hätte. Am nächsten Morgen dann die Entscheidung: Psychiatrie Gießen. Meine Rettung, sage ich heute. In der Klinik bemerkte ich nicht nur die Angst, sondern auch ein „dunkelgraues, ekelhaftes Etwas“ in mir. Die Zecke die sich an mich geklebt hatte, um meinen Kopf leer zu saugen. Ich vergaß Dinge. Konnte die Station nicht verlassen. Woher kam diese Angst? Ich sagte trotzdem zu meiner Ärztin, ich sei dort völlig falsch. Alle unfähig, dachte ich nur. Ich bemerkte jedoch immer mehr, dass die Veränderung weiter fortschritt. Wurde ich dumm? Ich hatte das Gefühl, den Verstand zu verlieren. (An dieser Stelle: Depression heißt nicht immer, traurig zu sein und zu heulen!) Alles fühlte sich seltsam an. Wenn man das Wort fühlen überhaupt benutzen kann. Medikamente? Ich? Niemals! Tag X. Besuch im Penny. Eine Woche Station. Schaffe ich schon. Der Weg über die Straße. Puls 150. Ich brauchte 60 Minuten, um mich für eine Zahnpasta zu entscheiden. Was war mit mir passiert? Drückte der „Tumor“ schon so stark, dass ich meinen Verstand verlor?

Ich entschied mich für das Medikament. Ich war nicht ich. Ich wollte aber wieder ich sein. Das Ekelgefühl sollte weg. Schnell! Sofort! Zwei Wochen mit Medi. Ich verstand plötzlich, warum sich Menschen das Leben nahmen. Der Gedanke ging nicht weg. Er war da. Immer wieder. Ich ging spazieren. Tag für Tag. Auf Station wurde man nur noch kaputter. Yoga, Gespräche, Therapien, spazieren. Ich wollte wieder ich sein. Zurück in mein Leben. Zurück zu meinen beiden Männern. Ich kämpfte Tag ein, Tag aus. Erster Lauf nach drei Wochen Klinik. Morgens im Dunkeln durch Gießen. Die Angst wurde weniger. Kein Schwindel, ich spürte, wie ich Luft bekam. Jeden Morgen mein Kliniklauf. Ich motivierte Mitpatienten. Nicht zum laufen, aber zum Lächeln darüber, dass ich laufen konnte.

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Rückschritt. Medi abgesetzt weil die Blutwerte schlecht wurden. Fange ein anderes an. Sechs Wochen später die Entlassung. Schaffe ich den Alltag? Ja. Ich hatte sofort eine Therapeutin. Sie ist auch heute noch an meiner Seite. Ich muss auf mich achten. Kein Stress, kein Druck. Das Laufen hilft mir, mich in Balance zu halten. Ich komme runter, bekomme Kraft zum denken und fühlen. Ich schlafe wieder. Nehme mir Auszeiten. Ich MUSS gar nichts. Esse das, was gut für mich ist. Oft Eis. Bin ein Grübler. Alles kann man nicht abstellen. Bin meiner Familie heute noch unendlich dankbar, dass sie für mich und vor allem für mein Kind in der schlimmsten Zeit meines Lebens da waren. Es ist paradox. Auf der einen Seite hatte ich Angst zu sterben und dann kam das Verständnis für Menschen, die den Freitod wählten. Wer dieses „Dunkle“ noch nicht erlebt hat, wird es nicht verstehen können. Ich möchte es nie wieder erleben. Ich kann sagen, dass es fast zwei Jahre dauerte, bis ich wieder gesund war. Und auch heute sage ich, ich bin nicht die die ich einmal war.

Aus diesem Grund laufe ich nicht nach Plan oder Pace. Ich laufe für das Gefühl danach. Ich laufe, um mehr Eis und Kekse essen zu können und um meine Gedanken zu ordnen.“

Stell dir vor, du sollst anderen (depressiven Menschen) das Laufen schmackhaft machen: Was sind deine Argumente?

„Laufen ist die beste Sportart um „in shape“ zu bleiben. Meine Meinung. Ich halte mein Gewicht durchs Laufen. Für depressive Menschen ist Sport das beste Mittel, um „Ekelgefühle“ aus dem Kopf zu treiben. Aber alles ohne Druck. Ich wünsche jedem depressiven Menschen (oder Angstpatienten) in der Welt alles Liebe und möchte darauf aufmerksam machen, dass es nichts bringt, im Bett zu bleiben. Die Gedanken verschwinden erst, wenn DU DEIN Leben in die Hand nimmst und etwas änderst.“

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