UMGANG MIT VERLETZUNGEN: NACH DEM RENNSTEIGLAUF IST VOR…

EINE Woche wollte ich nach dem Rennsteiglauf pausieren. Das Training – und vor allem die Longruns – hatten wirklich viel Kraft gekostet. Ich hab mich schon drauf gefreut, „nur noch“ zwei- bis dreimal pro Woche laufen zu gehen und stattdessen andere Sachen zu machen. Zum Beispiel die wöchentliche Yogastunde, die im Marathonplan drin stand. Und genau einmal stattfand. Mehr Krafttraining, weil mir der BodyPump-Kurs mittlerweile fast schon Spaß machte. Vielleicht auch mal wieder zum Zumba gehen… Tja, erstens kommt es jedoch anders. Und zweitens, als man denkt. Aber von vorn:

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Nach vier Monaten Training ging´s endlich heim zum Rennsteiglauf-Wochenende. Nach ewigem Stau, der Abholung der Startunterlagen und einem Besuch bei meiner Oma brauchte ich erst einmal einen Eierlikör zur Beruhigung. Bzw. so viele, bis die Flasche leer war. Zum weiteren „Cooldown“ gab mein Vater die Marschroute vor, wann ich im Ziel erwartet würde: „Um eins bist du da, wir fahren spätestens um zwei nach Hause.“ Äh. Ja. Start war 9 Uhr. Ich habe bis jetzt genau EINMAL einen Marathon in vier Stunden geschafft. im flachen Hamburg. Zählte aber nicht in meiner Argumentation. „Fünf Stunden bin ich damals gelaufen, ohne überhaupt trainiert zu haben!“ Mein Papa, der Motivator.

Tränen beim Rennsteiglied

Der „Raceday“ beginnt zum Rennsteiglauf traditionell früh. ZU früh. Aber für irgendwas machen wir ja die ganzen Earlybird-Läufe. Der Wecker klingelte 5 Uhr. Wir frühstückten noch gemeinsam und dann brachte meine Mama meine Schwester, ihren Freund und Mira nach Oberhof zum Start des Halbmarathons und mein Papa führ mit mir nach Neuhaus. Dort angekommen wunderten wir uns immer wieder über „die vielen älteren Leute, die hier mitlaufen.“ Was untertrieben war. Die waren nicht „älter“. Sondern alt! Irgendwas zwischen 60 und 70. Spoiler: Viele davon haben mich unterwegs überholt. Mit Leichtigkeit. Bevor mein Papa dann Richtung Schmiedefeld fuhr (da der Marathon zu Beginn auf der Landstraße langführte, musste er vor der Straßensperrung raus aus Neuhaus), sagte er noch, ich solle mir bloß keinen Druck machen. Nö, ICH hatte mir eigentlich keinen gemacht. Wer redete denn von vier Stunden?

Die Zeit bis zum Start verging dann wie im Flug. Weil ich sie fast komplett in der Kloschlange verbrachte. Der beste Ort, um noch schnell Bekanntschaften zu machen. Der Marathon wird übrigens auf dem Sportplatz gestartet. Und nach Rennsteiglied (ich hab vor Aufregung so geheult, dass ich erst ab der zweiten Strophe mitsingen konnte) und Schneewalzer ging´s dann auch schon los. Und zwar einen Kilometer bergauf. Na prima!

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Das war dann schon auf dem allerletzten Anstieg.

Die ersten fünf Kilometer waren auf Ashalt, mal ein bisschen bergan, dann wieder bergab. Was mich dazu verleitete, ein wenig zu schnell zu laufen. Ich hatte mir zwar kein Zeitziel gesetzt, aber auch bergab ist eine 5:05/km zu Beginn eines Marathons nichts, was ich laufen sollte. Da MUSSTE ich ja irgendwann einbrechen. Die Kilometer gingen superschnell vorbei und erst bei Kilometer 9 ging es so lange bergauf, dass ich auch mal gehen musste. Beziehungsweise KONNTE. Alle um mich rum liefen diesen Anstieg nämlich und ich wollte nicht der Larry sein, der schon so früh gehen musste. Dann gingen aber kurz vor Ende der Steigung endlich andere Läufer und ich schloss mich an. Puh. Einmal durchschnaufen. Die nächste Gehpause gab´s dann erst bei Kilometer 16/17. Das hatte ich mir schlimmer vorgestellt.

Die geilste Zitrone der Welt

Das erste richtige Highlight war der Verpflegungspunkt an der Turmbaude Masserberg – bei km 18,3. Das war nicht nur ein Verpflegungspunkt, sondern eine richtige Fressmeile. Ich glaube, ich hatte noch nie so eine geile Zitrone! An den Rest (Haferschleim, Wurstbrot etc. habe ich mich nicht rangetraut.) Und dann ging´s erstmal richtig bergab. Davor hatte ich Angst. Ich hab ja IMMER Angst, dass ich stürzen könnte. Und Angst, mir die Oberschenkel zu „zerstören“. So früh im Marathon wäre das blöd. Ging aber ganz gut. Danach ging es wieder bergauf und ich hatte plötzlich einen kleinen Durchhäger, mir war ziemlich warm und auch ein bisschen schwindelig. Also Gel-Chip reingequält – es war wirklich eine Qual! – wurde dann aber schlagartig besser.

Und schon war ich beim berühmt-berüchtigten Hohlweg angekommen. Richtig fies, steinig, mit Wurzeln und halt bergab. Von km 20 bis 22 etwa hat man dort jede Menge Spaß. Ich hatte erstmal: STAU. Zu viele Menschen auf zu wenig Fläche. War aber gut, so sind alle schön vorsichtig gelaufen. Bzw. gegangen. Manchmal ging auch laufen. Und so auf halber Strecke (also nach ca. einem Kilometer) sehe ich die Bergwacht am Wegesrand und lache noch, wie praktisch die da positioniert seien. Und kurz danach bin ich umgeknickt. Richtig heftig und es hat furchtbar weh getan. Mit dem Knöchel bin ich vor zwei Jahren schon zweimal umgeknickt und ich wusste zumindest, dass ein Weiterlaufen (theoretisch!) möglich sein müsste, wenn erstmal der Schmerz nachlässt. Der hat aber erstmal so richtig aufgedreht. Am Ende des Hohlwegs wartete dann auch schon der nächste Verpflegungspunkt. Mit Bergwacht. An der ich aber vorbeigehumpelt bin. Frag nicht, warum. Ich glaube, ich hatte Angst, sofort aus dem Rennen genommen zu werden der sonst irgendwas Dummes.

Ich bin also weitergehumpelt und hab irgendwann angefangen, so richtig hysterisch zu heulen. Vor Schmerz, vor Enttäuschung (dass ich nur daran gedacht habe, wie lange ich dafür trainiert hatte und bei welchen Bedingungen, brauche ich wahrscheinlich nicht erwähnen, oder?), keine Ahnung. Ich hab richtig gewürgt, weil ich so schlecht Luft bekam. Und es war mir SO PEINLICH! Irgendwann (so bei km 24 oder so) hatte ich mich soweit wieder beruhigt, dass ich einen halbwegs guten Plan gefasst hatte. Laufen ging da auch schon wieder einigermaßen und so wollte ich mir bei der nächsten Bergwacht-Station einen Verband anlegen lassen und dann versuchen, wenigstens bis zum Großen Dreiherrenstein (km 33,4) zu kommen. Dort gibt es einen offiziellen Ausstiegspunkt mit Wertung und mit Medaille. Und wenn es bis dahin doch besser geht, dann sehen wir weiter.

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Meine gestempelte Startnummer.

Den Plan hatte ich dann allerdings schnell verworfen, nachdem mir die Bergwacht einen wirklich guten Verband gemacht hatte. Ins Ziel FAHREN, nachdem wir alle so früh aufgestanden sind und alle schon seit Stunden in Schmiedefeld auf mich warten? NO WAY! (Lag hauptsächlich daran, dass ich mit dem Verband wieder richtig gut laufen konnte, also weniger an falschem Ehrgeiz.) Bis Kilometer 33,4 hatte ich auf jeden Fall noch einige gute Begegnungen: Beispielsweise habe ich Manfred getroffen, der ca einen Kilometer gemeinsam mit mir gelaufen/gegangen ist. Und den Marathon dieses Jahr zum 41. (!!!) Mal lief. Der Habmarathon startet ihm zu früh (7:30 Uhr in Oberhof) und er wohnt in Eisfeld (Nähe Neuhaus), deshalb wird er wohl vorerst beim Marathon bleiben, haha. Kurz vorm nächsten Verpflegungspunkt ging es zwar bergauf, ich musste aber mit ihm rennen. Wegen des Moderators, den er gut kennt. Und für die Fotografen. Und bei Kilometer 30 hab ich noch eine gute Tat vollbracht und einem Läufer mein eisgel für seine krampfenden Beine aufgeschwatzt. Später haben er und sein Kumpel mich immer mal wieder überholt und umgekehrt.

Das schönste Ziel der Welt

Und dann war ich da. Bei Kilometer 33,4. Hab meinen Stempel bekommen. Meine Trinkblase aufgefüllt (und mein Papa hat mich noch ausgelacht, warum ich mit Rucksack laufen will) und hab die Läufer gesehen, die schon auf den Shuttle nach Schmiedefeld warteten. Ich hatte so großes Mitleid. Und war SO froh, dass ich weiterlaufen konnte. Mit gedanklichen Teilschritten. Next Stop: Frauenwald (Kilometer 37), dort gibt´s Bier. Nicht, dass ich wirklich welches trinken wollte, aber es war ein Anreiz. Auch für ein Läuferpaar, von denen ich zuerst nur hörte „Wenn sich heute einer nicht mehr beeilt, dann bin ich das!“ Und dann haben wir uns gegenseitig motiviert, doch etwas schneller zu machen. Wer schneller läuft, trinkt schneller Bier. Alte Marathonregel. Und die fünf Kilometer, die dann noch folgten? Easy. Also, easy im Rahmen der Möglichkeiten. Es passierte aber auch so viel neben der Strecke, was mich von meinem eigenen Leid gut ablenkte. Zum Beispiel der Läufer, der sich bei Kilometer 38 die Seele aus dem Leib kotzt und keine Bergwacht wollte. Oder der Läufer, der so schlimme Wadenkrämpfe hatte, dass das eher aussah wie ein Backstein statt wie ein Muskel. Dem habe ich meinen zweiten Gel-Chip aufgedrängt.

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Das Ziel (fast) vor Augen.

Und dann kam irgendwann der Moment, als mir klar war: Ich werde das heute schaffen und es wird nicht so lange dauern, wie befürchtet. Da ging´s dann auch schon raus aus dem Wald und rein nach Schmiedefeld. Vorbei an vielen jubelnden Zuschauern und rein zum allerletzten Anstieg. Den ich kannte. Und kürzer (und weniger steil!) in Erinnerung hatte. In der Story (ist noch in den Highlights gespeichert) sagte ich vorher noch „Und das schaffe ich jetzt auch noch!“. Und scheiterte. Ich musste GEHEN, weil´s mich so angestrengt hat. Damit kommt man bei den Zuschauern und den anderen Finishern nur schlecht durch.  „Nur hundert Meter, dann geht´s zum Sportplatz!“ Ich hab´s geglaubt. Es war gelogen. Das hat sich sooo gezogen. Und auch am Sportplatz lange steigt´s noch ein bisschen. Und da waren sie: Bea und Mira, meine Eltern, Tobi und Marc aus Berlin, die ich alle der Reihe nach abklatschen konnte. Noch eine letzte Kurve und dann war sie da: Die Zielgerade. Da ging´s dann natürlich leicht bergab. Und obwohl mir nur noch nach lockerem Joggen zumute war, musste ich doch noch einen Zielsprint hinlegen. Weil auf einmal ein Typ neben mir auftauchte, der mich nicht überholen sollte. Und auch eine andere Läuferin hatte nochmal Lust auf ein kleines Battle bekommen. Wir hatten uns auf der Strecke immer mal wieder gesehen und fielen uns im Ziel glücklich in die Arme. WAR DAS GEIL! Medaille, TRINKEN und dann Richtung Family stolpern. Zusammen mit Dennis, der nach 74km deeeeuuutlich frischer aussah als ich nach 42km. Und weißt du, was NOCH geiler war als die Medaille zu bekommen: Schuhe aus und rein in die Adiletten! Und möglichst nicht auf den Knöchel achten, haha.

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No more words needed.
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Happy Finisher.
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Family first: Ich glaub, für meine Eltern und meine Schwester war´s noch viel anstrengender als für mich.
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Mirabert ❤
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Mission completed: Die Marathon-Medaille fehlte noch. Nun ist die Sammlung komplett.

Was tun bei Verletzungen?

Der Knöchel war in der Tat kaputt. Gleich Montag bin ich in München zum Arzt gegangen und der hat mich direkt zum MRT geschickt. Da gab´s die niederschmetternde Diagnose: Außenbandriss! Braucht sechs Wochen, um zu heilen. In der Zeit gibt´s kein Laufen, dafür aber eine stabilisierende Schiene. Toll! Das musste ich erstmal verdauen. Und dann hab ich mich daran erinnert, was ich eingangs schon erwähnt hatte: Ich wollte ja mehr andere Sachen machen. Zum Beispiel Krafttraining. Was auch mit der Schiene super funktioniert (bis auf einbeinige Geschichten, aber die mach ich halt nicht.) Und für unseren Crowdlauf bin ich halt nicht gelaufen. Sondern spazieren gegangen. Und einmal geradelt.

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Schmerz geht. Stolz bleibt.

In diesem Zuge hatte ich auch die Community befragt, jemand schonmal länger verletzt war und längere Zeit nicht laufen durfte. 632 Personen antworteten mit ja! (Machte in der Umfrage 84% aus.) Und vor folgenden Punkten hatten sie am meisten Angst (ich hab´s direkt nach Häufigkeit der Nennung absteigend sortiert):

  • Formverlust
  • FETT werden
  • Nie wieder laufen können / dürfen
  • Dass der Schmerz nie wieder weg geht
  • Schlechte Laune bekommen, weil der Ausgleich fehlt, um den Kopf frei zu bekommen
  • Die geplanten Läufe verpassen

Und so haben sich die anderen Läufer „vor der Krise bewahrt“:

  • Alternativsport (WORD! Irgendwas geht immer. Außer, du bist von Kopf bis Fuß gelähmt oder eingegipst)
  • Nach vorne schauen (RICHTIG! Ändern kannst du die Situation so oder so nicht.)
  • Positiv denken / mentales Training / Meditation
  • Die neu gewonnene Zeit mit Familie und Freunden verbringen
  • Verstärkt auf die Ernährung achten; z.B. durch Intervallfasten
  • Regelmäßig zur Physiotherapie / Osteopathie gehen
  • Füße still halten

Das meiste davon hab ich auch gemacht. Ich hab (für meine Verhältnisse) richtig viel Krafttraining gemacht und war in den letzten Wochen fast täglich im Fitnessstudio. Bei den derzeitigen Temperaturen übrigens ziemlich geil. Ich hab mir verschiedene Workouts für Beine, Po, Arme (eine Schwachstelle), Bauch (richtige Schwachstelle!) und Rücken zusammengestellt und die hab ich dann abgespult. Bis es mir Spaß gemacht hat mich so zu quälen. In der Zeit ist übrigens ein neues Workout-Video online gegangen. Schau mal rein! Ausdauertraining hab ich dafür nur sehr selten gemacht – zu langweilig im Studio. Aber Ausdauer kommt ja bekanntlich schnell wieder.

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Krafttraining: Macht mittlerweile richtig Bock!

Podcasts, Bücher und Tipps vom Profi

Und ich habe Podcasts gehört – zum Beispiel gab´s bei Achilles Running eine gute Folge, wie man Rückschläge überwinden kann. Interviewpartnerin war hier Coach Mari aus Berlin, die ich schon „aus dem Internet“ kannte und dir wir beim Run for the Oceans mit adidas in Berlin dann auch „in Echt“ kennenglernt haben. Und ich hab Bücher gelesen. Zum Beispiel „Siegen ist Kopfsache“. Da findest du richtig viele Beispiele, wie sich andere Athleten an die Spitze gekämpft haben. Teilweise nach richtig schlimmen Verletzungen. Und das Buch „Sturz in die Tiefe“ von Gela Allmann. DIE war schlimm verletzt. Da ist ein Außenbandriss echt Pippifax dagegen. Das Buch hat mich richtig geerdet und ich wollte mich nie wieder selbst bemitleiden. Ganz große Lese-Empfehlung!

Der Austausch mit anderen Läufern hat ebenfalls geholfen. Zum einen haben mir über Instagram viele geschrieben, dass sie auch mal verletzt waren und was sie dann gemacht haben. Oder dass sie AKTUELL verletzt sind und selbst Tipps gebrauchen könnten. Und dann hab ich noch einen Profi ausgequetscht. Vielleicht erinnerst du dich, dass uns Philipp Pflieger schon zweimal für einen Blogpost zur Verfügung stand. Zum Beispiel im vergangenen Jahr nach meinem versauten Hamburg Marathon. Und da ich wusste, dass er bisher auch mit einigen Verletzungen zu kämpfen hatte (vielleicht hast du beispielsweise mitbekommen, dass er im vergangenen Jahr wegen seiner Achillessehne aus dem EM-Marathon ausgestiegen ist), hab ich die Gelegenheit genutzt und ihn rund um unseren Trip nach Barcelona ein wenig ausgefragt.

1. Was war deine schlimmste (schwerste oder auch bitterste) Verletzung?

Meine schlimmste Verletzung war zweifellos ein komplizierter (Mittel)Fußbruch. Ich bin damals (Januar 2011) in einem Verbandstrainingslager in Spanien bei einer Bergsprint-Einheit mit meinem rechten Fuß umgeknickt. Sowas kann natürlich immer mal passieren, ich hatte dabei aber eine Menge Pech und mir so ziemlich alles an- und/oder abgerissen, was an es Kapsel, Sehnen und Außenbändern gibt. Dummerweise wurde nach meiner Rückkehr auch nur die Weichteilverletzungen diagnostiziert und übersehen, dass die „Peroneus Brevis“-Sehne mir den Ansatz am MT5 (5. Mittelfußknochen) weggerissen hat. Das spricht zwar irgendwie für die Festigkeit meiner Sehnen war aber insgesamt natürlich trotzdem ziemlich suboptimal. Was folgte, war eine ganze Reihe dementsprechend zu spät eingeleiteter konservativer Heilungsverfahren und es folgten schließlich auch zwei OPs, bei denen mir zeitweise unter anderem eine Titanschraube eingesetzt wurde. Zwischenzeitlich sah das Ganze so schlecht aus, dass die ersten Experten mir schon klar machen wollten, dass ich mich damit anfreunden muss, dass meine Sportkarriere vorbei ist und der Fuß Leistungssport nicht mehr tolerieren wird. Mein Dickkopf, eine gehörige Portion Glück und Durchhaltevermögen haben mir aber geholfen, diese „Einschätzungen“ nicht nur zu ignorieren, sondern als falsch abzustrafen. Vier Jahre später lief ich in Berlin meinen ersten Marathon, ein weiteres Jahr später stand ich dann in Rio an der Startlinie.

2. Was war dein erster Gedanke / deine größte Sorge, als dir klar war, dass jetzt erstmal Schluss mit Laufen ist?

Ich habe damals relativ schnell begriffen, dass ich nicht einfach nur umgeknickt bin und mir die Bänder etwas überdehnt hatte. Die Art und Weise, wie sich das anfühlte, sowohl, was die Schmerzintensität (ich konnte in der ersten Nacht keine Minute schlafen), als auch die mangelnde Belastbarkeit in den folgenden Tagen und Wochen anbelangt, hat mir schnell klar gemacht, dass das was Ernstes ist und ja, natürlich hatte ich auch Angst. Schlimmer ist das Ganze dadurch geworden, dass sich ja nach den ersten zwei bis drei Wochen die ursprüngliche Diagnose als falsch herausgestellt hat und die eigentlichen Probleme ja noch viel gravierender waren, nur dass wir die dafür richtigen und wichtigen Schritte in der Erstphase des Heilungsprozesses eben leider nicht eingehalten haben. Da habe ich mir dann das erste Mal wirklich Sorgen gemacht! Nicht nur, dass ich gerade nicht laufen konnte, sondern dann schon wann bzw. noch ein paar Wochen später, ob ich jemals wieder laufen könnte.

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Laura, Philipp, Isabell, Mari (vom Podcast, den ich weiter oben verlinkt hab) und Anika (unsere Ansprechpartnerin bei adidas)

3. Was hast du in der Verletzungspause gemacht? Wie hast du an deinem Comeback gearbeitet?

Am Anfang durfte ich im Prinzip nicht viel machen. Nachdem dann schließlich festgestellt wurde, dass auch ein Knochenbruch vorliegt, der leider nicht gleich zu Beginn entsprechend geschont wurde, wurde mein rechter Fuß mittels VACOped-Stiefel erst mal komplett ruhiggestellt. Dafür war es dann letztlich aber leider schon zu spät, weswegen es zu den OPs kam. Nach zwei Wochen Teilbelastung mit Krücken begann ich erst einmal damit, wieder normales Gehen zu lernen. Also quasi bei Adam und Eva. Die nächsten Wochen ging es dann darum, die muskulären Dysbalancen aufgrund der Schonung wieder auszugleichen und eben auch an Gangbild, Motorik und Ansteuerung zu arbeiten. Das hatte sehr lange nichts mit Laufen zu tun. Ich verbrachte viele Stunden alleine mit meinem Therapeuten in Rehazentren im Kraftraum und auf der Physiobank. Die nächsten Steps bei mir damals waren dann Aquajogging und Indoor-Radfahren/Spinning mit wenig Widerstand und hoher Trittfrequenz, um den Fuß anfangs nicht zu sehr zu stressen. Das konnte ich dann peu à peu steigern und im Sommer dann schließlich auch aufs Rennrad wechseln. Vom Fußbruch Anfang Januar bis zum ersten schmerzfreien Laufschritt draußen Anfang August vergingen also sieben Monate (da sind sechs Wochen Pause auch eher Pippifax).

4. Wenn du nur einen einzigen Tipp an alle verletzten (Hobby)läufer geben dürftest: Welcher wäre das?

Was ich in dieser für mich damals schwierigen, aber auch prägenden Phase gelernt habe, ist, auch Rückschläge als Chance zu begreifen, um besser zu werden. Das klingt jetzt vielleicht sehr abgedroschen und klischeehaft. Aber was ich damit meine ist, dass man verrückt wird in so einer auch mental schwierigen Phase, deren Ende ja auch nicht immer absehbar ist, wenn man nicht anfängt, sich Ziele zu setzen. Das Erreichen von Zielen tut immer gut und vor allem zerlegt es einen so quälend langen und schwer absehbaren Zeitraum einfach auch in Etappen, die helfen sich selbst zu überlisten. Von den Glücksgefühlen zwischendurch ganz zu schweigen. So wie ich heute wieder meine sportlichen Wettkampfziele verfolge, habe ich mir für diese langwierige Rehaphase immer Ziele gesetzt, die ich dann nach und nach abgearbeitet habe. Das hat damit begonnen, dass ich wieder normal und schmerzfrei gehen wollte, dann mich im Kraftraum so weit auszutoben, dass ich (was Balance und propriozeptive Fähigkeiten anbelangt) auf dem für mich wahrscheinlich besten Level überhaupt war (konnte auf kombinierten wackeligen Untergründen balancieren und nebenher Medizinbälle fangen/werfen etc.). Auch was meine Kraftwerte und Rücken/Rumpfstabi angeht war ich damals am Ende dieser Reha richtig gut drauf und ich denke, dass das für mich zweifellos auch dazu beigetragen hat, dass ich seither zum Glück keine vergleichbar dramatische Verletzung mehr hatte. Generell hat sich damals mein Blick und auch die Wertschätzung für das Training neben dem reinen Laufen komplett verändert und dementsprechend in meinen Trainingsplänen heute eine andere Gewichtung.

Wenn das mal kein gutes Schlusswort ist! Falls du dich also wirklich mal schlimmer verletzt, dann schau nach vorne. Schau, (in Absprache mit Arzt und ggf. Physio), was du alles machen kannst. Wir Läufer behaupten doch eh immer, keine Zeit für Stabitraining zu haben. JETZT ist mehr als genug Zeit da! (Als mich meine Achillessehne zur Laufpause zwang, hab ich beispielsweise auch jede Menge Workouts gemacht, war schwimmen, Radfahren, auf Crosstrainer und Stepper und so konnte ich meine Ausdauer echt gut halten. Und so wird´s dir auch gehen!

Wenn alles läuft wie geplant, dann lege ich am 10. Juli meine Schiene ab und kann vorsichtig wieder ins Lauftraining einsteigen. Und weil ein Ziel immer gut ist, werde ich mich dann bald auf mein Highlight im Herbst anmelden. Da ich vom Marathontraining erst einmal die Nase voll habe, wird es dieses Jahr „nur“ einen Halbmarathon geben, den ich mit einem „privaten“ Spendenlauf für das Kinderhospiz Mitteldeutschland verknüpfen will. Da erzähle ich aber zeitnah mehr. Vielleicht magst du mich ja unterstützen?